Der Kirschenstrauß Blond und fein, ein Lockenköpfchen, Das kaum vier der Jahre hat, Trippelt ängstlich durch das Gäßchen, Jeder Schritt noch eine Tat. Eier trägt es in den Händen, Die es so verlegen hält, Wie auf alten Kaiserbildern Karl der Große seine Welt. Arme Kleine! Wenn sie fielen, Gäb' es keinen Kuchen mehr, Und der Weg ist so gefährlich Und das Herzchen pocht so sehr! Hätte sie geahnt, wie teuer Oft sich büßt der Tatendrang, Nimmer hätt' sie ihn der Mutter Abgeschmeichelt, diesen Gang. Dennoch käm' sie wohl zu Hause, Forderte der Kirschenstrauß, Den die Krämerin ihr schenkte, Nur den Durst nicht so heraus. Doch sie möchte eine kosten Von den Beeren rund und rot, Denn es sind für sie die ersten, Und das bringt ihr große Not. Ihre Hand zum Mund zu führen, Wagt sie nimmer, denn das Ei Könnte ihr derweil entschlüpfen, Hält sie doch den Strauß dabei. Drum versucht sie's, sich zu bücken, Doch die Kluft ist gar zu weit, Und sie spitzt umsonst die Lippen Nach der würz'gen Süßigkeit. Aber sie gerät ins Straucheln, Und das Unglück wär' geschehn, Bliebe sie nicht auf der Stelle Wie erstarrt vor Schrecken, stehn. Denn die Eier wollten gleiten, Und sie hält sie nur noch fest, Weil sie beide unwillkürlich Gegen Leib und Brust gepreßt. Lange wird es zwar nicht dauern: Bellt der erste kleine Hund, Fährt sie noch einmal zusammen, Und sie rollen auf den Grund. Doch da springt, den Küchenlöffel In der mehlbestäubten Hand, Ihr die Mutter rasch entgegen, Und das Unglück ist gebannt.
- Friedrich Hebbel

Klugwort Reflexion zum Zitat
In diesem Gedicht von Friedrich Hebbel wird ein Moment der kindlichen Unsicherheit und der damit verbundenen Gefahr beschrieben. Die kleine Figur, die den Kirschenstrauß und die Eier trägt, ist mit der Herausforderung konfrontiert, ihre Verantwortung zu bewältigen, ohne die Lasten, die sie trägt, zu verlieren. Die Angst vor dem Versagen und die Gefahr, die mit ihrem Gang verbunden ist, spiegeln die Zerbrechlichkeit und Unbeholfenheit des kindlichen Seins wider. Hebbel beschreibt nicht nur die äußerlichen Gefahren, sondern auch die innere Anspannung und das pochte Herz, das mit jeder Bewegung wächst.
Die Metapher der Eier zeigt, wie schnell etwas zerbrechen oder schiefgehen kann, und erinnert an die zerbrechliche Natur von Verantwortung. Die Unsicherheit und Angst der kleinen Figur stehen als Symbol für den Übergang vom Unbeschwerten zu einer Welt voller Herausforderungen und Konsequenzen. Doch letztlich gibt es auch die Hand der Mutter, die das Unglück abwendet und das Kind vor den Folgen bewahrt. Dieses Bild bietet Trost und betont die Rolle der Fürsorge und Unterstützung in schwierigen Momenten.
Das Gedicht erinnert daran, dass das Leben voller instabiler und riskanter Momente ist, in denen wir uns ständig zwischen Erfolg und Misserfolg bewegen. Aber es erinnert uns auch an die Bedeutung von Begleitung und Vertrauen in solchen Momenten. Es ist ein schönes Bild des kindlichen Wachstums und der Rolle der Eltern als Retter in der Not.
Zitat Kontext
Friedrich Hebbel, ein bedeutender Dichter und Dramatiker des 19. Jahrhunderts, war bekannt für seine tiefgründigen Betrachtungen über das menschliche Leben und die Konflikte des Einzelnen. Dieses Gedicht könnte als ein Beispiel für Hebbels Interesse an der kindlichen Welt und der Darstellung von Unschuld und Gefahr zugleich verstanden werden.
Historisch lebte Hebbel in einer Zeit, in der das Verständnis von Kindheit und Erziehung sich wandelte. In der Literatur und Philosophie der Zeit wurde die kindliche Unschuld oft als ein Symbol für Reinheit und die Herausforderungen des Erwachsenwerdens als eine Konfrontation mit der Welt der Verantwortung dargestellt. In diesem Gedicht wird diese Thematik in einer fast malerischen Weise dargestellt, indem der kleine Akt des Tragens von Kirschen und Eiern zu einer tiefgründigen Metapher für die Herausforderungen des Lebens wird.
Philosophisch steht das Gedicht in Verbindung mit Hebbels Überzeugung, dass das Leben sowohl unschuldig als auch gefährlich ist und dass diese Dualität in jedem Moment spürbar ist. Es fordert den Leser zu einer Reflexion über die Zerbrechlichkeit des Lebens und die Unterstützung durch andere auf.
Auch heute bleibt dieses Gedicht von Hebbel von Bedeutung, da es uns dazu anregt, über die kindliche Unschuld und die Verantwortung im Leben nachzudenken. Es erinnert uns daran, dass selbst in den scheinbar unbedeutendsten Momenten die Gefahr und die Möglichkeit des Scheiterns lauern, aber auch die Hand der Unterstützung stets zur Seite stehen kann.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Friedrich Hebbel
- Tätigkeit:
- deutscher Dramatiker und Lyriker
- Epoche:
- Realismus
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- Emotion:
- Keine Emotion