Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder von einander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel; so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. - So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zu einander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder von einander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehn kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! (Wahren Sie den Abstand!) - Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden. - Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.
- Arthur Schopenhauer

Klugwort Reflexion zum Zitat
In diesem Zitat von Arthur Schopenhauer wird eine treffende Metapher für das Zusammensein der Menschen geschaffen. Die Stachelschweine, die sich in der Kälte Nähe suchen, um sich zu wärmen, zeigen die paradoxe Natur der menschlichen Gesellschaft: Das Bedürfnis nach Nähe und Wärme wird oft von den 'Stacheln' der eigenen Eigenschaften und Mängel gestört. Es wird angedeutet, dass wahre Gesellschaft nur dann möglich ist, wenn die Menschen eine Balance finden – eine 'mittlere Entfernung', bei der sie sich gegenseitig nicht verletzen, aber dennoch Nähe erfahren können.
Schopenhauer beschreibt die Gesellschaft als ein Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Gemeinschaft und der Unausweichlichkeit von Konflikten und Missverständnissen. Die 'höfliche Entfernung' ist eine Notwendigkeit, um das tägliche Leben in Gemeinschaft erträglich zu machen. Diese Distanz schützt uns vor den schmerzhaften 'Stacheln' der anderen, auch wenn das Bedürfnis nach Nähe und Verbindung nie ganz befriedigt wird.
Das Zitat regt zum Nachdenken darüber an, wie wir in sozialen Interaktionen Balance finden können, ohne uns von den negativen Aspekten menschlicher Beziehungen überwältigen zu lassen. Es fordert uns auf, zu reflektieren, wie wir unsere eigenen 'Stacheln' kontrollieren und gleichzeitig die Nähe zu anderen in einer gesunden Weise suchen können.
Zitat Kontext
Arthur Schopenhauer war ein deutscher Philosoph des 19. Jahrhunderts, bekannt für seine pessimistische Sicht auf das Leben und seine tiefe Auseinandersetzung mit den menschlichen Schwächen und den Herausforderungen der Existenz. Dieses Zitat spiegelt seine Philosophie wider, dass das Leben von Konflikten und inneren Widersprüchen geprägt ist und dass echte Harmonie nur durch die Kontrolle von Leidenschaften und dem Finden eines Gleichgewichts erreicht werden kann.
Historisch gesehen lebte Schopenhauer in einer Zeit der intellektuellen Umwälzungen, in der die Menschen begannen, sich von den romantischen Idealen des 18. Jahrhunderts zu lösen und eine differenziertere Sicht auf die menschliche Natur zu entwickeln. In diesem Kontext zeigt Schopenhauer die Ambivalenz menschlicher Beziehungen auf – das Bedürfnis nach Gesellschaft und Nähe wird von den 'Stacheln' unserer Charakterfehler und Schwächen überschattet.
Philosophisch betrachtet ist das Zitat ein Ausdruck von Schopenhauers Überzeugung, dass das menschliche Leben und die Gesellschaft von Unzulänglichkeiten und Konflikten geprägt sind. Die 'mittlere Entfernung' zwischen den Menschen symbolisiert eine Art von Gleichgewicht, das durch den Verzicht auf zu enge Bindungen und die Akzeptanz der menschlichen Unvollkommenheit entsteht.
Auch heute bleibt dieses Zitat relevant, da es die Schwierigkeiten der menschlichen Interaktion und das Bedürfnis nach emotionaler Distanz in sozialen Beziehungen thematisiert. Es erinnert uns daran, dass wahre Nähe und Harmonie nur dann erreicht werden können, wenn wir die Unvollkommenheiten der anderen und unsere eigenen anerkennen und in der Lage sind, eine gesunde Balance zu finden.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Arthur Schopenhauer
- Tätigkeit:
- deutscher Philosoph
- Epoche:
- Moderne
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- Emotion:
- Keine Emotion