Wir haben für sie auch ein erbauliches Projekt zur ständigen Milderung ihrer eigenen Tyrannei aufgestellt, indem wir ihnen einen unerschütterlichen Glauben an den Triumph der Tugend sowie an die moralische Rechtfertigung ihrer Verbrechen zuschrieben. Das sind die Theorien wohlmeinender Kinder, die alles schwarz oder weiß sehen, von nichts anderem träumen als von Engeln oder Dämonen und keine Ahnung von der unglaublichen Anzahl heuchlerischer Masken jeder Farbe, Form und Größe haben, die die Menschen benutzen, um ihre Züge zu verbergen, wenn sie das Alter der Hingabe an Ideale überschritten haben und sich hemmungslos ihren egoistischen Begierden hingegeben haben

- Alfred de Vigny

Alfred de Vigny

Klugwort Reflexion zum Zitat

In diesem Zitat von Alfred de Vigny wird die Illusion der moralischen Reinheit und des Glaubens an den Triumph der Tugend kritisch hinterfragt. Vigny beschreibt die naiven und idealistischen Theorien, die vor allem von jüngeren oder unerfahrenen Menschen vertreten werden, die die Welt in schwarz und weiß sehen und an die Reinheit von Idealen glauben. Doch er entlarvt diese Sichtweise, indem er die Komplexität der menschlichen Natur und die Heuchelei aufzeigt, die oft hinter den Masken der Tugend steckt.

Der Begriff der 'heuchlerischen Masken' verweist auf die Art und Weise, wie Menschen ihre wahren Absichten und egoistischen Begierden hinter idealisierten Vorstellungen von Moral und Tugend verbergen. Vigny kritisiert die Selbstgerechtigkeit derjenigen, die die moralische Überlegenheit ihrer eigenen Handlungen verkünden, während sie in Wirklichkeit ihren eigenen egoistischen Zielen folgen. Er zeigt, dass die Welt viel komplexer ist und dass der Übergang von jugendlicher Idealisierung zu erwachsenen Kompromissen und pragmatischem Handeln unvermeidlich ist.

Das Zitat regt dazu an, über die Natur der Moral und Ideale nachzudenken und die Realität der menschlichen Schwächen und der Heuchelei zu erkennen. Es fordert uns auf, uns nicht von einfachen Erklärungen oder utopischen Vorstellungen täuschen zu lassen, sondern die vielschichtigen und oft widersprüchlichen Motivationen des Menschen zu verstehen.

Zitat Kontext

Alfred de Vigny war ein französischer Dichter und Dramatiker des 19. Jahrhunderts, bekannt für seine tiefgründigen und oft düsteren Betrachtungen der menschlichen Natur und der Gesellschaft. In vielen seiner Werke beschäftigte er sich mit den Themen der menschlichen Schwächen, der Unvollkommenheit und der Enttäuschung über Ideale, die in der Realität oft scheitern. In diesem Zitat reflektiert Vigny auf die Diskrepanz zwischen den idealistischen Vorstellungen von Moral und der harten Wahrheit über die Heuchelei und Selbsttäuschung, die in der Erwachsenenwelt oft vorherrschen.

Historisch gesehen war Vigny ein Vertreter der Romantik, einer Bewegung, die sich mit der Individualität, der Natur und den tiefen Gefühlen des Menschen auseinandersetzte. Doch im Gegensatz zu vielen anderen romantischen Dichtern nahm Vigny eine eher pessimistische Haltung ein, indem er die Schwächen und den moralischen Verfall des Menschen betonte. Das Zitat spricht die Unzulänglichkeiten der Erwachsenen und ihrer Ideale an und kritisiert die Entfremdung, die mit dem Verlust jugendlicher Unschuld und der Konfrontation mit den realen, oft egoistischen Bedürfnissen des Lebens einhergeht.

Philosophisch betrachtet steht das Zitat im Zusammenhang mit der romantischen Idee, dass die Menschheit in ihrer Tiefe von widersprüchlichen Kräften geprägt ist – von Idealismus und Heuchelei, von Tugend und Egoismus. Vigny fordert uns heraus, die moralischen Illusionen zu hinterfragen und die wahre Natur der menschlichen Motivationen zu verstehen.

Auch heute bleibt das Zitat von Bedeutung, da es uns dazu anregt, die Authentizität von Idealen und die Heuchelei in der Gesellschaft zu hinterfragen. Es erinnert uns daran, dass Menschen oft eine Fassade der Tugend aufrechterhalten, um ihre eigenen egoistischen Interessen zu maskieren, und fordert uns zu einer ehrlicheren Auseinandersetzung mit den Widersprüchen in unserer eigenen moralischen Sichtweise auf.

Daten zum Zitat

Autor:
Alfred de Vigny
Tätigkeit:
franz. Schriftsteller
Epoche:
Romantik
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Emotion:
Keine Emotion