Lied Ich wär’ schon ein Knab’, Recht brav, aber ich hab’ Für's erste kein’ Fleiß, Weil ich so schon alls weiß. Allein die Professer, Die wiss’n alles besser. Ka Antwort is recht, Ins Zeugnis schreiben s’: »Schlecht!« Dann merk’ ich nicht auf, Ich spiel’ oder ich rauf’, Oder i friß etwas Süß’s Oder i wetz’ mit die Füß’! Auch schieß’ ich so gern Mit die Bockshörndlkern, Drum in d’ Sitten, i waß, Krieg’ i auch dritte Klass’! In der Schule, i dank’, Die Händ’ auf der Bank, Den Vortrag anhör’n, Ohne schlafrig zu wer’n, Das Buch aufgeschlag’n, Zu schwätzen nicht wag’n, Wie ein eiserner Aff’, Sonst kriegt man a Straf’! Dieser schreckliche Druck Halt’t im Wachstum uns z’ruck, Und von d’ Bub’n tun s’ begehr’n, Große Männer soll’n s’ wer’n! Und wenn ein’r auch alls kann, Stell’n s’ ein’ erst nirgends an. Ja, das muß ein’ antreib’n, Ein Esel zu bleib’n!
- Johann Nepomuk Nestroy

Klugwort Reflexion zum Zitat
In diesem humorvollen und kritischen Lied von Johann Nepomuk Nestroy wird das Schulsystem und die daraus resultierende Bildung auf eine satirische Weise dargestellt. Der 'Knab’', der in der ersten Person spricht, ist ein Schüler, der zwar weiß, dass er brav und lernfähig ist, aber durch die strengen Anforderungen des Schulalltags und die Übermacht der Lehrer entmutigt wird. Die ironische Darstellung der Lehrer als allwissende Autoritäten, die keine Antwort akzeptieren und das Zeugnis stets mit 'Schlecht' bewerten, verdeutlicht die Unzufriedenheit und die Frustration des Schülers mit einem starren, unflexiblen System.
Das Lied stellt die schulische Erziehung als eine Last dar, die den natürlichen Drang des Kindes zur Neugier und zum Spielen hemmt. Nestroy kritisiert die Überbetonung von Disziplin und Leistung im schulischen Umfeld und stellt die Frage, ob diese Art von Erziehung wirklich zu einem erfüllten und produktiven Leben führt. Es wird ein Spannungsfeld zwischen den Bedürfnissen und Wünschen des Kindes und den Anforderungen der Erwachsenenwelt dargestellt.
Das Zitat regt dazu an, das Bildungssystem und die Art und Weise, wie Wissen vermittelt wird, zu hinterfragen. Es fordert dazu auf, die Balance zwischen Disziplin und Freiheit, zwischen Lernen und Spielen zu finden, um eine ganzheitliche Entwicklung zu ermöglichen. Nestroy macht auf die Problematik aufmerksam, dass zu viel Druck und zu wenig Raum für die eigene Entfaltung und Kreativität die natürlichen Talente und das Selbstbewusstsein der Kinder unterdrücken können.
Zitat Kontext
Johann Nepomuk Nestroy war ein österreichischer Dramatiker und Schauspieler des 19. Jahrhunderts, bekannt für seine satirischen Werke, die oft soziale Missstände und die Eigenheiten der Gesellschaft auf humorvolle Weise darstellten. In diesem Lied kritisiert Nestroy auf eine leichte, humorvolle Weise die Schulsysteme seiner Zeit, die von starren Regeln und einem übermäßigen Fokus auf Disziplin und Leistung geprägt waren.
Historisch gesehen war das Bildungswesen im 19. Jahrhundert in vielen Teilen Europas, besonders in Österreich, stark hierarchisch strukturiert und legte großen Wert auf Gehorsam und Ordnung. Es herrschte eine starke Autorität von Lehrern, die oft wenig Raum für die Eigenständigkeit der Schüler ließen. Nestroy, der selbst viele Jahre im Theater tätig war, setzte sich in seinen Werken regelmäßig mit sozialen und politischen Themen auseinander und stellte diese auf humorvolle, aber tiefgründige Weise in Frage.
Philosophisch betrachtet steht das Zitat in Verbindung mit der Kritik an der Unterdrückung von Kreativität und freiem Denken in einem autoritären Bildungssystem. Es fordert dazu auf, die Lernmethoden zu hinterfragen und die Bedeutung von Individualität und persönlicher Entfaltung in der Erziehung zu betonen.
Auch heute bleibt dieses Zitat von Nestroy relevant, da es die Herausforderung anspricht, das Bildungssystem an die Bedürfnisse und Talente der Kinder anzupassen. Es fordert eine kritische Auseinandersetzung mit einem System, das oft auf Gehorsam und Standardisierung setzt, und erinnert daran, dass wahres Lernen auch Raum für Kreativität, Selbstentfaltung und das Streben nach Freude im Wissen sein sollte.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Johann Nepomuk Nestroy
- Tätigkeit:
- österr. Schauspieler, Dramatiker, Satiriker
- Epoche:
- Biedermeier
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- Emotion:
- Keine Emotion