Ich knirsche die Zähne über die gewinnsüchtigen Heuchler, die Menschen, welche bei ihren Bergwerken, bei ihren Lotteriedevisen Gott wie einen Fürsten zu Gevatter bitten, damit er ihnen ehrenhalber ein Patengeld in die Windeln schiebe – welche bei dem Allerheiligsten wie wir bei einem Titularrat immer seinen Titel anbringen, um ihm zu schmeicheln und abzubetteln. Wär' ich der liebe Gott: so sollten mir die Holländer, die vorher, eh' sie mit ihren Heringsbuisen auslaufen, eine Predigt und ein Lied anhören und um Heringe seufzen, nicht einen Schwanz fangen. O das größte Sammelsurium von Widerspruch, Wahnsinn, Habsucht und Tücke ist ein menschliches gedrucktes Gebet! – Nur du, heiliger Fenelon, konntest beten, denn du liebtest Gott!
- Jean Paul

Klugwort Reflexion zum Zitat
Jean Pauls Zitat ist eine scharfe Kritik an religiöser Heuchelei und dem Missbrauch des Glaubens zu eigennützigen Zwecken. Er prangert Menschen an, die Gebete als Mittel zur Erfüllung ihrer materiellen Wünsche verwenden, statt sie als Ausdruck aufrichtiger Spiritualität zu verstehen. Besonders zielt seine Kritik auf die Praxis ab, Gott wie einen mächtigen Herrscher anzuflehen, um persönliche Vorteile zu erlangen – ein Verhalten, das für ihn den wahren Geist des Glaubens verrät.
Dieses Zitat fordert dazu auf, die eigene Beziehung zu Religion und Gebet zu hinterfragen. Ist unser Glaube echt, oder wird er instrumentalisiert, um weltliche Ziele zu erreichen? Jean Paul hebt hervor, dass wahre Spiritualität nicht durch Bitten oder Schmeichelei definiert wird, sondern durch aufrichtige Liebe zu Gott, wie sie im Beispiel Fenelons – einem französischen Theologen und Mystiker – deutlich wird. Seine Kritik an den ‚gedruckten Gebeten‘ deutet darauf hin, dass viele religiöse Praktiken durch Formalismus und Oberflächlichkeit entwertet werden.
Die Botschaft dieses Zitats bleibt zeitlos und relevant. Es ist eine Einladung, den Glauben als einen Akt der Hingabe und Liebe zu betrachten und nicht als eine Transaktion. Jean Paul erinnert uns daran, dass echte Spiritualität sich nicht in Worten oder Ritualen erschöpft, sondern in der inneren Haltung der Liebe und Demut gegenüber dem Göttlichen verwurzelt ist.
Zitat Kontext
Jean Paul, ein deutscher Schriftsteller des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, war bekannt für seine tiefgründigen und oft ironischen Kommentare zu Gesellschaft und Religion. Dieses Zitat entstand in einer Zeit, in der religiöse Rituale und Praktiken häufig durch eine wachsende Trennung von echter Spiritualität und oberflächlichem Formalismus geprägt waren. Die Aufklärung hatte zwar Kritik an religiösem Dogmatismus geübt, aber viele Menschen hielten weiterhin an religiösen Traditionen fest, oft aus eigennützigen Motiven.
Jean Pauls Kritik spiegelt auch den Einfluss romantischer Gedanken über Authentizität und Innerlichkeit wider. Der Verweis auf Fenelon, einen prominenten Mystiker, betont die Bedeutung von Liebe und Hingabe als Kern des Glaubens. Seine Bemerkungen über die Holländer und deren Gebetspraktiken können als satirische Überspitzung verstanden werden, die den Missbrauch von Religion durch wirtschaftliche Interessen anprangert.
Im heutigen Kontext bleibt Jean Pauls Botschaft relevant, da sie auf die Spannungen zwischen wahrer Spiritualität und kommerzialisierten, ritualisierten Formen von Religion hinweist. Sie fordert dazu auf, die eigene religiöse Praxis ehrlich zu hinterfragen und sie auf Authentizität und Liebe auszurichten, statt sie durch äußere Zwänge oder eigennützige Motive bestimmen zu lassen.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Jean Paul
- Tätigkeit:
- deutscher Schriftsteller
- Epoche:
- Romantik
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- Emotion:
- Keine Emotion