Mir ist ein Kleintuer weit unausstehlicher als ein Großtuer, denn einmal verstehen es so wenig, weil es eine Kunst ist da Großtun aus der Natur entspringt, und dann läßt der Großtuer jedem seinen Wert, da der Kleintuer den, gegen welchen er es ist, offenbar verachtet. Ich habe einige gekannt, die von ihrem wenigen Verdienst, das sie hatten, mit soviel pietistischer Dünnigkeit zu sprechen wußten, als wenn sie fürchteten man möchte schmelzen, wenn sie sich in ihrem ganzen Licht zeigten. Ich habe mir aber angewöhnt über solche Leute zu lachen, und seit der Zeit sehe und höre ich sie gerne.
- Georg Christoph Lichtenberg

Klugwort Reflexion zum Zitat
Georg Christoph Lichtenberg liefert in diesem Zitat eine differenzierte Betrachtung menschlicher Eitelkeit. Er unterscheidet zwischen dem Großtuer, der in seinem Stolz fast schon authentisch erscheint, und dem Kleintuer, dessen demonstrative Bescheidenheit und Überbewertung kleiner Verdienste für ihn weitaus unangenehmer ist. Während der Großtuer den Wert anderer zumindest anerkennt, zeigt der Kleintuer durch seine Haltung oft Verachtung für seine Mitmenschen. Lichtenberg kritisiert diese scheinbar bescheidene, aber im Grunde hochnäsige Haltung mit scharfem Humor.
Das Zitat lädt dazu ein, über die Art und Weise nachzudenken, wie Menschen ihre Erfolge und Fähigkeiten darstellen. Es zeigt, dass falsche Bescheidenheit oft mehr über den Charakter eines Menschen verrät als offener Stolz. Für den Leser bietet sich die Möglichkeit, die eigene Haltung zu reflektieren: Gehe ich ehrlich mit meinen Errungenschaften um, oder neige ich dazu, sie künstlich zu verkleinern, um Anerkennung zu gewinnen?
Lichtenbergs Umgang mit Kleintuern – nämlich sie mit Humor zu betrachten – bietet eine wertvolle Perspektive. Statt sich über solche Verhaltensweisen zu ärgern, plädiert er dafür, sie mit einem Lächeln zu akzeptieren. Seine Worte sind eine Erinnerung daran, dass wir nicht jedes Verhalten anderer ernst nehmen müssen und dass Gelassenheit oft der beste Umgang mit menschlichen Schwächen ist.
Zitat Kontext
Georg Christoph Lichtenberg, ein aufklärerischer Denker des 18. Jahrhunderts, war bekannt für seine prägnanten und humorvollen Beobachtungen der menschlichen Natur. Dieses Zitat reflektiert seine kritische, aber zugleich milde Haltung gegenüber den Eitelkeiten und Schwächen seiner Mitmenschen. Es entstand in einer Epoche, in der gesellschaftlicher Status und Selbstdarstellung eine zentrale Rolle spielten.
Historisch betrachtet spiegeln Lichtenbergs Worte die soziale Dynamik seiner Zeit wider, in der sowohl Arroganz als auch falsche Bescheidenheit verbreitet waren. Die Aufklärung betonte individuelle Tugend und Ehrlichkeit, was Lichtenbergs Kritik an der pietistischen ‚Dünnigkeit‘ der Kleintuer besonders relevant macht. Sein Humor diente dabei nicht nur der Kritik, sondern auch der Förderung einer gelassenen Haltung gegenüber menschlicher Unvollkommenheit.
Philosophisch gesehen knüpft das Zitat an die Idee an, dass Authentizität und Selbstbewusstsein mit Respekt für andere einhergehen sollten. Es erinnert daran, dass Ehrlichkeit im Umgang mit eigenen Leistungen und Schwächen eine Tugend ist, während übertriebene Selbstverkleinerung oder künstliche Bescheidenheit oft genau das Gegenteil bewirken. In einer modernen Welt, die stark von Selbstinszenierung geprägt ist, bleibt Lichtenbergs Einsicht aktuell und wertvoll.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Georg Christoph Lichtenberg
- Tätigkeit:
- deutscher Schriftsteller, Mathematiker, Physiker und Aphoristiker
- Epoche:
- Aufklärung
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- Emotion:
- Keine Emotion