Die Tragik des Gedankens, Meinung zu werden, erlebt sich am schmerzlichsten in den Problemen des erotischen Lebens. Das geistige Erlebnis läßt hier Reue zurück, wenn es jene ermuntert, die bestenfalls recht haben können. Und so mag es gesagt sein: Jedes Frauenzimmer, das vom Weg des Geschlechts in den männlichen Beruf abirrt, ist im Weiblichen echter, im Männlichen kultivierter als die Horde von Schwächlingen, die es im aufgeschnappten Tonfall neuer Erkenntnisse begrinsen und die darin nur den eigenen Mißwachs erleben. Das Frauenzimmer, das Psychologie studiert, hat am Geschlecht weniger gefehlt, als der Psycholog, der ein Frauenzimmer ist, am Beruf.
- Karl Kraus

Klugwort Reflexion zum Zitat
Karl Kraus’ Zitat ist eine scharfe und provokative Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und ihrer Wahrnehmung in der Gesellschaft. Er beleuchtet die Tragik, wenn tiefergehende Gedanken zu bloßen Meinungen reduziert werden, insbesondere in den komplexen Dynamiken des erotischen und geschlechtlichen Lebens. Kraus kritisiert jene, die neue Erkenntnisse oder Rollenverteilungen oberflächlich aufnehmen und sie in ihrem Verhalten karikieren, anstatt sie authentisch zu leben.
Sein Vergleich zwischen Frauen, die sich in traditionellen Männerberufen engagieren, und Männern, die vermeintlich feminine Verhaltensweisen annehmen, zielt auf die Authentizität des jeweiligen Handelns ab. Kraus stellt Frauen, die sich in traditionell männlichen Domänen behaupten, positiv dar, da sie sich sowohl weiblich als auch kultiviert verhalten. Männer hingegen, die ihrer Rolle nicht gerecht werden und durch übernommene feminisierte Verhaltensmuster auffallen, kritisiert er scharf.
Das Zitat wirft Fragen auf, die auch heute noch relevant sind: Wie werden Geschlechterrollen gelebt und wahrgenommen? Was bedeutet es, authentisch zu sein? Kraus regt dazu an, über die Grenzen gesellschaftlicher Erwartungen und deren Einflüsse auf persönliche Entwicklung und Beruf nachzudenken. Seine Sprache mag provokativ sein, doch sie zwingt den Leser, sich mit tief verwurzelten Normen auseinanderzusetzen.
Zitat Kontext
Karl Kraus, bekannt für seine scharfsinnigen Analysen und bissigen Kommentare, äußerte sich in diesem Zitat zu Geschlechterrollen und den Veränderungen, die in seiner Zeit immer sichtbarer wurden. Im frühen 20. Jahrhundert, als Frauen begannen, traditionelle Rollen zu hinterfragen und sich in männlich dominierten Berufen zu etablieren, stieß dies oft auf Widerstand und Verunsicherung – ein Kontext, den Kraus hier aufgreift. Seine Worte reflektieren die gesellschaftlichen Spannungen, die durch den Bruch mit traditionellen Geschlechterrollen entstanden.
Besonders interessant ist Kraus’ Bezug auf das Verhältnis von Authentizität und gesellschaftlicher Rolle. In einer Zeit, in der das Studium und die Berufswelt Männern vorbehalten waren, galt es als außergewöhnlich und rebellisch, wenn Frauen diese Domänen betraten. Gleichzeitig kritisiert Kraus Männer, die feminisiert wirken, indem er sie als Karikaturen ihrer selbst darstellt. Diese Aussagen spiegeln eine patriarchale Sichtweise, aber auch eine frühe Auseinandersetzung mit den Herausforderungen von Geschlechterfluidität.
Heute lässt sich Kraus’ Zitat in einem breiteren Rahmen verstehen, der Fragen nach Geschlechteridentität, Rollenklischees und der Authentizität des individuellen Handelns umfasst. Es regt an, historische Perspektiven mit modernen Debatten zu vergleichen und über den Einfluss gesellschaftlicher Normen auf persönliche und berufliche Entscheidungen nachzudenken.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Karl Kraus
- Tätigkeit:
- österreichischer Schriftsteller, Publizist, Satiriker und Dramatiker
- Epoche:
- Moderne
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- Emotion:
- Keine Emotion