Herbstgefühl Grünen, Blühen, Duften, Glänzen, Reichstes Leben ohne Grenzen, Alles steigernd, nirgends stockend, Selbst die kühnsten Wünsche lockend: Ja, da kann ich wohl zerfließen, Aber nimmermehr genießen; Solche Flügel tragen weiter, Als zur nächsten Kirschbaum-Leiter. Doch, wenn rot die Blätter fallen, Kühl die Nebelhauche wallen, Leis durchschauernd, nicht erfrischend, In den warmen Wind sich mischend: Dann vom Endlos-Ungeheuren Flücht' ich gern zum Menschlich-Teuren, Und in einer ersten Traube Sieht die Frucht der Welt mein Glaube.

- Friedrich Hebbel

Friedrich Hebbel

Klugwort Reflexion zum Zitat

In diesem Gedicht von Friedrich Hebbel wird das Gefühl des Herbstes als ein Wechsel zwischen extremer Freiheit und einer Sehnsucht nach Geborgenheit und menschlicher Nähe dargestellt. Die erste Hälfte des Gedichts beschreibt die ungebremste Vitalität und das Streben nach immer mehr – die Fülle des Sommers, die durch das Wachstum und die blühende Natur symbolisiert wird. Doch diese Steigerung wird nicht als erfüllend erlebt, sondern als eine Art Zerfließen ohne echtes Genießen, was das Bedürfnis nach Tiefe und Verbindung im Leben widerspiegelt. Die Metapher der Flügel, die weiter tragen, als es gut für den Einzelnen ist, unterstreicht diese Sehnsucht nach einer Richtung, die mehr als flüchtiges Wachstum und Vergnügen bietet.

Die zweite Hälfte des Gedichts beschreibt den Herbst als eine Zeit der Besinnung und des Rückzugs. Wenn die Blätter fallen und der Nebel den Herbsthimmel durchzieht, entsteht eine kühle, fast melancholische Atmosphäre, die den Sprecher zu einer Rückkehr zu den einfacheren und menschlicheren Dingen drängt. Das Bild der Traube, die als Frucht der Welt erscheint, vermittelt die Idee, dass wahre Erfüllung nicht im unaufhörlichen Streben nach mehr liegt, sondern im Anerkennen der kleinen, menschlichen Dinge, die uns an das Wesentliche des Lebens erinnern. Hebbel fordert uns zu einer Besinnung auf das Menschlich-Teure auf – auf das, was wirklich zählt.

Dieses Gedicht spiegelt die komplexe Beziehung zwischen Freiheit, Erfüllung und innerem Frieden wider. Die Sehnsucht nach immer mehr, die zu einer gewissen Leere führt, wird durch die Rückkehr zu den einfachen, aber tiefgründigen Aspekten des Lebens ausgeglichen. Die Verbindung zur Natur im Herbst wird hier als eine Möglichkeit dargestellt, die wahre Erfüllung zu finden, nicht in den grenzenlosen und oft sinnlosen Expansionsversuchen des Sommers, sondern im ruhigen Rückzug und der Konzentration auf das Wesentliche.

Zitat Kontext

Friedrich Hebbel war ein deutscher Dichter und Dramatiker des 19. Jahrhunderts, bekannt für seine Werke, die sich oft mit tiefen existenziellen und philosophischen Themen auseinandersetzten. Das Zitat stammt aus seiner Zeit, in der er sich stark mit der menschlichen Existenz und den Herausforderungen des Lebens beschäftigte. Hebbel war ein Denker, der das Verhältnis zwischen persönlichem Wachstum und gesellschaftlichen Normen hinterfragte und oft die tiefere Bedeutung des Lebens im Wechsel der Jahreszeiten und der Natur fand.

In diesem Gedicht reflektiert Hebbel über die gegensätzlichen Kräfte, die das Leben antreiben: die Sehnsucht nach Wachstum, ungebremstem Leben und einer höheren Erfüllung, die jedoch schnell an Bedeutung verliert, wenn sie nicht durch echte, tiefere Verbindung und innere Zufriedenheit ergänzt wird. Das Bild des Herbstes – eine Zeit des Rückzugs, der Reflexion und der Begrenzung – steht im Kontrast zur grenzenlosen Energie des Sommers und fordert den Leser dazu auf, das „Menschlich-Teure“ zu schätzen, das nicht durch äußeres Wachstum oder Reichtum, sondern durch innere Ruhe und Verbundenheit mit der Welt und den Mitmenschen entsteht.

Hebbel benutzt die Jahreszeiten als Metapher für die Phasen des menschlichen Lebens. Während der Sommer für Expansion, Wachstum und ungebremste Energie steht, verkörpert der Herbst die Notwendigkeit, innezuhalten und sich zu besinnen. Diese Reflexion über das Leben im Wechsel der Jahreszeiten ist ein zentraler Bestandteil von Hebbels Philosophie, die die Vergänglichkeit und den Wert des Lebens betont.

Daten zum Zitat

Autor:
Friedrich Hebbel
Tätigkeit:
deutscher Dramatiker und Lyriker
Epoche:
Realismus
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Emotion:
Keine Emotion