Da erwiderte mir gestern ein Herr aus Bremen: ›Wie? Sie bedauern den Tod eines Seehunds? Ausrotten müßte man diese Tiere. Glauben Sie etwa, sie seien nützlich? Sie sind die ärgsten Fischräuber, die es gibt, ganz schädliche, unnütze Geschöpfe!‹ Ich dachte an die feuchten dunklen Augen der gutmütigen Tiere und sie erschienen mir weit liebenswerter als diese Anschauungen eines Pedanten, dem sich sein eigenes grenzenloses Räubertum als Mensch so ganz und gar von selbst verstand.

- Christian Morgenstern

Klugwort Reflexion zum Zitat

Christian Morgensterns Zitat ist eine tiefgründige Reflexion über die Arroganz und die Doppelmoral des Menschen im Umgang mit der Natur. Der Dialog mit dem 'Herrn aus Bremen' zeigt eine Perspektive, in der der Wert eines Lebewesens ausschließlich anhand seines vermeintlichen Nutzens für den Menschen bemessen wird. Diese utilitaristische Sichtweise, die Seehunde als 'schädlich' und 'unnütz' abtut, steht in starkem Kontrast zu Morgensterns eigener Empfindung. Für ihn sind die 'feuchten dunklen Augen' der Tiere ein Symbol für ihre Liebenswürdigkeit und Unschuld, eine Qualität, die den moralischen Defiziten des Menschen gegenübergestellt wird.

Das Zitat lenkt die Aufmerksamkeit auf die Blindheit des Menschen für seine eigene zerstörerische Rolle in der Welt. Der 'Pedant', der Seehunde als 'Räuber' bezeichnet, erkennt dabei nicht, dass der Mensch selbst der größte Räuber ist, der die Ressourcen der Natur ausbeutet und andere Spezies gefährdet. Morgenstern schafft es, mit feiner Ironie die Doppelmoral und Hybris des Menschen zu entlarven, der sich selbst als überlegen ansieht und gleichzeitig grundlegende ethische Prinzipien missachtet.

Diese Reflexion regt dazu an, über die Beziehung zwischen Mensch und Natur nachzudenken. Sie fordert uns auf, Empathie und Respekt für alle Lebewesen zu entwickeln und unseren eigenen Platz in der Welt kritisch zu hinterfragen. Es ist ein Aufruf zur Selbstreflexion und zum Umdenken, um eine harmonischere und respektvollere Beziehung zur Umwelt zu fördern.

Zitat Kontext

Christian Morgenstern, ein deutscher Dichter und Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts, ist bekannt für seine tiefgründigen und oft ironischen Betrachtungen des menschlichen Lebens und der Natur. Dieses Zitat spiegelt Morgensterns Sensibilität für die Natur und seine kritische Haltung gegenüber anthropozentrischen Weltanschauungen wider.

Das Zitat entstand in einer Zeit, in der industrielle Entwicklungen und Fortschritte in der Wissenschaft zu einem veränderten Verhältnis des Menschen zur Natur führten. Tiere wurden zunehmend aus einer rein utilitaristischen Perspektive betrachtet – entweder als nützlich oder schädlich für die menschlichen Interessen. Diese Haltung spiegelte die dominierende Denkweise wider, die die Natur als Ressource betrachtete, die es zu kontrollieren und auszubeuten galt.

Morgenstern stellt dieser Denkweise eine ethische und ästhetische Perspektive entgegen. Er betont die intrinsische Schönheit und den Wert von Lebewesen, unabhängig davon, ob sie dem Menschen nützen oder schaden. Die 'feuchten dunklen Augen' der Seehunde symbolisieren eine unvoreingenommene, unschuldige Existenz, die der moralischen Fragwürdigkeit menschlicher Handlungen gegenübersteht. Seine Kritik richtet sich nicht nur gegen den konkreten Fall des 'Pedanten', sondern gegen eine ganze Denkweise, die den Menschen als Maßstab für alles betrachtet.

Morgensterns Worte sind heute aktueller denn je. Sie erinnern uns daran, wie wichtig es ist, unsere Beziehung zur Natur neu zu überdenken und eine Haltung der Wertschätzung und des Respekts zu entwickeln. Seine Beobachtungen sind ein Aufruf, die Natur nicht nur durch die Brille des Nutzens, sondern durch die Linse der Empathie und des Mitgefühls zu betrachten.

Daten zum Zitat

Autor:
Christian Morgenstern
Tätigkeit:
deutscher Schriftsteller und Dichter
Epoche:
Moderne
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Emotion:
Keine Emotion