Winterreise Wie durch so manchen Ort Bin ich nun schon gekommen, Und hab' aus keinem fort Ein freundlich Bild genommen. Man prüft am fremden Gast Den Mantel und den Kragen, Mit Blicken, welche fast Die Liebe untersagen. Der Gruß trägt so die Spur Gleichgültig-off'ner Kälte, Daß ich ihn ungern nur Mit meinem Dank vergelte. Und weil sie in der Brust Mir nicht die Flamme nähren, So muß sie ohne Lust Sich in sich selbst verzehren. Da ruf' ich aus mit Schmerz, Indem ich fürbaß wand're: Man hat nur dann ein Herz, Wenn man es hat für and're.
- Friedrich Hebbel

Klugwort Reflexion zum Zitat
In diesem Gedicht von Friedrich Hebbel wird die Entfremdung und das Fehlen von echter menschlicher Wärme in zwischenmenschlichen Begegnungen thematisiert. Der Sprecher zieht durch viele Orte, aber an keinem dieser Orte kann er ein freundliches Bild oder einen herzlichen Empfang finden. Stattdessen begegnet er den Menschen mit Kälte und Gleichgültigkeit. Diese gefühllose Haltung wird durch die Blicke und den Umgang mit dem Fremden verstärkt, der mehr nach dem äußeren Erscheinungsbild (dem Mantel und dem Kragen) als nach der inneren Wärme eines Menschen beurteilt wird.
Der Gedichtsprecher fühlt sich von dieser Kälte verletzt und beschreibt, wie seine eigene Fähigkeit zu fühlen und zu lieben unterdrückt wird, weil ihm die Menschen um ihn herum keine Wärme bieten. Die Flamme der Zuneigung, die er in seiner Brust erwartet, bleibt unerfüllt und verbrennt ihn stattdessen von innen. Diese innere Leere führt dazu, dass der Sprecher mit Schmerz und Enttäuschung in die Welt hinauszieht. Hebbel lässt uns verstehen, dass wahre Menschlichkeit und die Fähigkeit zu lieben nur dann existieren, wenn man diese Liebe auch für andere empfindet und zeigt.
Das Zitat fordert uns dazu auf, über die Auswirkungen der zwischenmenschlichen Kälte und der Bedeutung von echter Empathie und Menschlichkeit nachzudenken. Es erinnert uns daran, dass das Herz nur dann wirklich lebt, wenn es sich für andere öffnet und nicht nur in sich selbst verharrt.
Zitat Kontext
Friedrich Hebbel war ein deutscher Dramatiker und Lyriker des 19. Jahrhunderts, bekannt für seine tiefgründigen und oft düsteren Werke. In vielen seiner Gedichte und Theaterstücke beschäftigt er sich mit den Themen Entfremdung, innerer Zerrissenheit und der Dunkelheit des menschlichen Wesens. In diesem Gedicht spiegelt sich Hebbels Pessimismus gegenüber der Gesellschaft seiner Zeit wider, die er als kälter und entmenschlichter empfindet, als es wünschenswert wäre.
Das Zitat thematisiert die Isolation des Individuums in einer Welt, die von Oberflächlichkeit und Egoismus geprägt ist. Während die Welt um ihn herum von Kälte und Unnahbarkeit geprägt ist, erkennt der Sprecher, dass wahre Wärme und Liebe nur dann existieren können, wenn man diese auch für andere Menschen empfindet. Die Klage über den Mangel an echtem menschlichen Kontakt und die Enttäuschung über die Kälte der Menschen rundherum ist ein wiederkehrendes Motiv in Hebbels Werk und stellt die Frage, wie wir als Gesellschaft die emotionalen Bedürfnisse und die Menschlichkeit der anderen berücksichtigen können.
In historischer Hinsicht war Hebbel ein Zeitzeuge einer Gesellschaft, die sich von der romantischen Idealisierung der menschlichen Beziehungen entfernte und zunehmend von bürgerlicher Rationalität und politischer Unbeweglichkeit geprägt war. Das Gedicht ruft dazu auf, die Beziehungen zwischen den Menschen wieder auf eine tiefere, menschlichere Ebene zu bringen und die Kälte, die in der Gesellschaft herrscht, zu überwinden.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Friedrich Hebbel
- Tätigkeit:
- deutscher Dramatiker und Lyriker
- Epoche:
- Realismus
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- Emotion:
- Keine Emotion