Manche Tugenden kann man dadurch erwerben, daß man sie lange Zeit hindurch heuchelt. Andere wird man umso unfähiger zu erringen, je mehr man sucht, sich den Schein derselben zu geben. Zu den ersten gehört der Mut, zu den zweiten die Bescheidenheit.

- Marie von Ebner-Eschenbach

Marie von Ebner-Eschenbach

Klugwort Reflexion zum Zitat

Marie von Ebner-Eschenbachs Zitat beleuchtet auf subtile Weise die Komplexität menschlicher Tugenden und unser Streben nach moralischer Perfektion. Sie deutet an, dass manche Tugenden wie Mut durch das bloße Nachahmen oder Heucheln in unser Wesen übergehen können. Dies mag darauf hindeuten, dass Mut in gewisser Weise auch durch Verhalten oder Routine erlernt werden kann – eine 'Fake it till you make it'-Mentalität, die letztendlich zu einer authentischen Eigenschaft wird.

Im Gegensatz dazu setzt die Bescheidenheit, wie Ebner-Eschenbach feststellt, echte innere Überzeugung voraus. Der Versuch, den Schein von Bescheidenheit zu wahren, führt paradoxerweise dazu, dass man sich immer weiter von dieser Tugend entfernt. Diese Unvereinbarkeit zeigt, dass wahre Bescheidenheit eine tiefere Selbsterkenntnis und Aufrichtigkeit erfordert, die durch äußeren Druck oder gezielte Anstrengung nicht erzwungen werden kann.

Das Zitat fordert uns auf, über den Unterschied zwischen äußerlichem Verhalten und innerer Haltung nachzudenken. Es wirft die Frage auf, ob der Weg zu Tugenden immer durch Heuchelei gerechtfertigt ist oder ob wahre Tugenden nicht von einer authentischen, inneren Quelle stammen müssen. Diese Unterscheidung macht den Text zu einem faszinierenden Kommentar über die menschliche Natur und Moral.

Zitat Kontext

Marie von Ebner-Eschenbach war eine österreichische Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts, die für ihre prägnanten Aphorismen und tiefgründigen Beobachtungen der menschlichen Natur bekannt ist. Ihr Werk entstand in einer Zeit, die von gesellschaftlichen Normen und moralischen Idealvorstellungen geprägt war. Ihr Zitat steht im Kontext einer moralphilosophischen Reflexion über Tugenden und deren Erreichbarkeit.

Im 19. Jahrhundert war der Mut eine oft gefeierte Tugend, besonders im Zusammenhang mit der Aufklärung und den Freiheitsbewegungen. Der Gedanke, dass Mut durch Heuchelei erworben werden kann, passt zu einer Zeit, in der öffentliche Anerkennung und Heldentum stark mit dem Verhalten und dem Image eines Menschen verbunden waren. Bescheidenheit hingegen, die im viktorianischen Zeitalter besonders hoch geschätzt wurde, wird hier als etwas dargestellt, das schwer zu imitieren ist, weil sie tief in der inneren Haltung und Authentizität verwurzelt ist.

Das Zitat bietet auch eine kritische Perspektive auf die gesellschaftlichen Erwartungen an Tugenden. Es fordert uns auf, zwischen dem äußeren Schein und der wahren inneren Qualität zu unterscheiden. Diese Einsicht ist heute ebenso relevant wie damals, insbesondere in einer Zeit, in der Selbstdarstellung und Authentizität im Spannungsfeld von sozialen Medien und persönlichen Werten stehen. Ebner-Eschenbachs Worte laden dazu ein, die Grundlagen unserer eigenen moralischen Bestrebungen zu hinterfragen.

Daten zum Zitat

Autor:
Marie von Ebner-Eschenbach
Tätigkeit:
Österreichische Schriftstellerin
Epoche:
Realismus
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Emotion:
Keine Emotion