Dienstboten sind die Preßfreiheit der häuslichen Konstitution, die lebendigen Plakate unserer Geheimnisse, und die wohlhabende Welt muß leider von jeher mehr auf ihre Bequemlichkeit als auf ihren Ruf gehalten haben, sonst existiert die Mode, Dienstboten z' haben, schon lang nicht mehr.
- Johann Nepomuk Nestroy

Klugwort Reflexion zum Zitat
Johann Nepomuk Nestroys Zitat ist eine ironische und tiefgründige Analyse der sozialen Dynamik zwischen Dienstboten und ihren Arbeitgebern. Es beschreibt Dienstboten als 'Preßfreiheit der häuslichen Konstitution', die ungehindert die Geheimnisse der Hausherren in die Welt tragen können. Diese Metapher verdeutlicht, wie die Nähe von Dienstboten zu den intimsten Bereichen des Lebens der wohlhabenden Schichten eine potenzielle Gefahr für deren Ruf und Ansehen darstellt.
Das Zitat kritisiert die wohlhabende Gesellschaft, die trotz dieses Risikos an der 'Mode' festhält, Dienstboten zu beschäftigen, um sich den Komfort zu sichern. Es zeigt auf, wie Bequemlichkeit und Prestige oft über die Sorge um Diskretion und Integrität gestellt werden. Nestroy wirft damit ein Licht auf die Ambivalenz dieser sozialen Beziehung: Dienstboten sind einerseits unverzichtbar, andererseits ein Risiko für das Bild, das die wohlhabenden Haushalte nach außen präsentieren möchten.
Die Aussage regt dazu an, über Machtverhältnisse und gegenseitige Abhängigkeiten in sozialen Beziehungen nachzudenken. Sie zeigt, dass Privilegien oft mit Kompromissen und Risiken verbunden sind, und dass gesellschaftliche Normen, wie die Beschäftigung von Dienstboten, nicht immer rational, sondern oft von Statusdenken geprägt sind.
Kritisch betrachtet könnte man einwenden, dass Nestroy die Situation humorvoll überspitzt und die Loyalität vieler Dienstboten außer Acht lässt. Doch seine scharfsinnige Beobachtung bleibt relevant, da sie die menschliche Neigung beleuchtet, Bequemlichkeit über mögliche Konsequenzen zu stellen. Das Zitat ist ein Aufruf, soziale Konventionen und ihre zugrunde liegenden Motive zu hinterfragen.
Zitat Kontext
Johann Nepomuk Nestroy (1801–1862) war ein österreichischer Dramatiker und Satiriker, der für seine treffenden und oft humorvollen Gesellschaftskritiken bekannt war. Dieses Zitat entstammt seinem typischen Stil, soziale Dynamiken und Widersprüche auf humorvolle Weise zu entlarven.
Im 19. Jahrhundert war die Beschäftigung von Dienstboten in wohlhabenden Haushalten eine weit verbreitete Praxis, die jedoch oft mit Spannungen und einem Gefühl der Unsicherheit verbunden war. Dienstboten waren nicht nur eine Quelle von Komfort, sondern auch eine potenzielle Bedrohung für die Privatsphäre und das Ansehen ihrer Arbeitgeber.
In der heutigen Zeit hat sich die Form dieser Abhängigkeiten verändert, aber das Grundthema bleibt relevant: Wie sehr sind Menschen bereit, ihre Privatsphäre oder andere Werte für Komfort und Status aufzugeben? Nestroys Zitat erinnert uns daran, solche sozialen Strukturen und ihre Implikationen kritisch zu hinterfragen, und das mit einem Augenzwinkern.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Johann Nepomuk Nestroy
- Tätigkeit:
- österr. Schauspieler, Dramatiker, Satiriker
- Epoche:
- Biedermeier
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- Emotion:
- Keine Emotion