Die Flamingos Jardin de Plantes, Paris In Spiegelbildern wie von Fragonard ist doch von ihrem Weiß und ihrer Röte nicht mehr gegeben, als dir einer böte, wenn er von seiner Freundin sagt: sie war noch sanft von Schlaf. Denn steigen sie ins Grüne und stehn, auf rosa Stielen leicht gedreht, beisammen, blühend, wie in einem Beet, verführen sie verführender als Phryne sich selber; bis sie ihres Auges Bleiche hinhalsend bergen in der eignen Weiche, in welcher Schwarz und Fruchtrot sich versteckt. Auf einmal kreischt ein Neid durch die Volière; sie aber haben sich erstaunt gestreckt und schreiten einzeln ins Imaginäre.

- Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke

Klugwort Reflexion zum Zitat

In diesem Gedicht von Rainer Maria Rilke wird die Darstellung der Flamingos als eine sinnliche, beinahe träumerische Erfahrung beschrieben. Rilke verwendet lebendige, malerische Bilder, um die Eleganz und den Verführungscharakter der Flamingos zu vermitteln. Durch den Vergleich mit den Gemälden Fragonards wird eine gewisse Zartheit und Anmut angedeutet, die von den Flamingos ausgeht. Die Verbindung von Farbe – Weiß, Rot, Rosa und Schwarz – und der Bezug zu Phryne, einer der berühmtesten antiken Hetären, verstärken die erotische und geheimnisvolle Aura, die die Vögel umgibt.

Die Flamingos, die sich zunächst in einer beinahe träumerischen Haltung zeigen, verlieren sich schließlich in einer Bewegung, die von der Physis zur Imagination übergeht. Der plötzliche Neid, der durch die Volière (Vogelkäfig) kreischt, könnte als Metapher für die Störung dieser perfekten Harmonie gesehen werden. Dieser Moment des Eingreifens von außen verstärkt die Vorstellung, dass Schönheit und Verführung nicht nur in der äußeren Erscheinung der Flamingos zu finden sind, sondern auch in ihrer metaphorischen Bedeutung.

Das Zitat regt dazu an, über die feine Grenze zwischen Realität und Imagination nachzudenken und darüber, wie Kunst, in diesem Fall die Darstellung der Flamingos, zwischen beiden Welten oszilliert. Rilke fordert uns zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Ästhetik und den symbolischen Bedeutungen von Natur und Kunst auf, die weit über das bloße Dargestellte hinausgehen.

Zitat Kontext

Rainer Maria Rilke war ein bedeutender österreichischer Dichter und Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, bekannt für seine tiefgründigen und oft mystischen Gedichte. In diesem Gedicht spiegelt sich Rilkes Interesse an der Verbindung von Natur und Kunst sowie an der Ästhetik der Wahrnehmung wider. Rilke war ein Meister der Bildsprache und verwendete oft Symbole, um die tiefere Bedeutung von Natur und menschlicher Existenz zu erforschen.

Historisch gesehen wurde dieses Gedicht während einer Zeit verfasst, in der die Symbolisten, zu denen auch Rilke zählte, die Kunst als ein Mittel zur Darstellung innerer Wahrheiten und metaphysischer Konzepte verstanden. Das Gedicht bezieht sich auf die Flora und Fauna des Jardin de Plantes in Paris und nutzt die Flamingos als Symbol für Schönheit, Vergänglichkeit und das Wechselspiel zwischen dem Realen und dem Imaginären.

Philosophisch betrachtet steht das Zitat im Einklang mit Rilkes Fokus auf die Idee der Transzendenz und der Fähigkeit der Kunst, das Unsichtbare und nicht Greifbare darzustellen. Die Flamingos werden nicht nur als Tiere beschrieben, sondern als Metaphern für die Komplexität der menschlichen Erfahrung, die zwischen Schönheit, Verführung, Neid und geistiger Reflexion oszilliert.

Auch heute bleibt dieses Gedicht relevant, da es uns dazu einlädt, über die Natur und die Kunst nachzudenken und darüber, wie wir Schönheit und Bedeutung in der Welt um uns herum wahrnehmen. Es fordert uns dazu auf, die imaginären Räume zu erkunden, die durch Kunst und die Erfahrung der Natur geöffnet werden.

Daten zum Zitat

Autor:
Rainer Maria Rilke
Tätigkeit:
österreichisch-deutscher Dichter
Epoche:
Moderne
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Emotion:
Keine Emotion