Wenn du freilich Lust haben solltest, sogar zu lernen, wie man spazieren gehen soll, wohlan, nimm jene Leute an, die der Hunger neue Künste gelehrt hat: es wird sich gleich einer finden, der deine Schritte regelt, und beim Essen dir auf Backen und Zähne Acht gibt, und in seiner Dreistigkeit immer weiter gehen wird, je mehr deine geduldige Leichtgläubigkeit ihm Vorschub tut.
- Seneca

Klugwort Reflexion zum Zitat
Seneca kritisiert in diesem Zitat auf sarkastische Weise die Abhängigkeit von unnötigen Anleitungen und die Ausnutzung durch selbsternannte Experten. Seine Worte zeigen, wie leicht Menschen ihre Eigenständigkeit verlieren können, wenn sie bereitwillig jeden Rat annehmen, selbst in banalen Angelegenheiten wie dem Spazierengehen oder Essen. Seneca hebt die Gefahr hervor, dass diese Haltung der Leichtgläubigkeit den selbstbewussten Betrügern die Tür öffnet, die nicht zögern, aus der Unsicherheit anderer Kapital zu schlagen.
Das Zitat ist eine Reflexion über die Grenzen der Beratung und den Wert der Selbstständigkeit. Es stellt die Frage, wie weit man bereit ist, externe Anleitung zu akzeptieren, und fordert dazu auf, kritisch zu prüfen, wem man Vertrauen schenkt. Seneca zeigt, dass ein Übermaß an Abhängigkeit nicht nur lächerlich, sondern auch gefährlich sein kann, da es den Missbrauch durch andere begünstigt. Die Ironie seiner Worte hebt die Bedeutung der Eigenverantwortung hervor und regt dazu an, den eigenen Verstand einzusetzen, anstatt sich blind führen zu lassen.
In der heutigen Zeit, die von einer Flut an Ratschlägen und Expertenmeinungen geprägt ist, bleibt diese Botschaft aktuell. Sie erinnert daran, zwischen notwendiger Hilfe und überflüssiger Bevormundung zu unterscheiden und den eigenen Weg selbstbewusst zu gehen.
Zitat Kontext
Seneca, ein römischer Philosoph und Stoiker des ersten Jahrhunderts, schrieb oft über Themen wie Selbstbeherrschung, Weisheit und die Bedeutung der Vernunft im Leben. Dieses Zitat stammt aus seinen Morallehren und spiegelt seine Skepsis gegenüber unnötiger Abhängigkeit wider. In der römischen Gesellschaft, in der Luxus und Dekadenz weit verbreitet waren, sah Seneca die Gefahr, dass Menschen ihre Autonomie und Urteilsfähigkeit zugunsten von Mode, Status oder fragwürdigen Expertenmeinungen aufgaben.
Die „neuen Künste“, von denen Seneca spricht, beziehen sich auf Praktiken und Dienste, die durch den Bedarf oder die Eitelkeit der Wohlhabenden entstanden sind. Seine Kritik richtet sich an diejenigen, die bereit sind, ihre Freiheit und Entscheidungsfähigkeit für sinnlose Anleitungen aufzugeben, und an die Scharlatane, die diese Schwäche ausnutzen. Seneca plädiert dafür, die eigene Vernunft und Urteilsfähigkeit als Kompass zu nutzen und sich nicht von vermeintlichen Experten in allem lenken zu lassen.
Heute ist dieses Zitat besonders relevant angesichts der wachsenden Zahl von Selbsthilfe-Gurus, Coaches und Influencern, die oft einfache oder triviale Konzepte vermarkten. Es fordert dazu auf, kritisch zu hinterfragen, ob eine externe Anleitung wirklich notwendig ist oder ob man nicht selbst die Antworten finden kann. Seneca erinnert uns daran, die Balance zwischen Lernen und Eigenständigkeit zu wahren und die Verantwortung für unser eigenes Leben zu übernehmen.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Seneca
- Tätigkeit:
- römischer Philosoph, Dramatiker, Staatsmann
- Epoche:
- Klassische Antike
- Mehr?
- Alle Seneca Zitate
- Emotion:
- Keine Emotion