Das kann es nicht heißen. Wir glauben itzt keine Gespenster, kann also nur so viel heißen: in dieser Sache, über die sich fast eben so viel dafür als darwider sagen läßt, die nicht entschieden ist, und nicht entschieden werden kann, hat die gegenwärtig herrschende Art zu denken den Gründen darwider das Übergewicht gegeben; einige wenige haben diese Art zu denken, und viele wollen sie zu haben scheinen; diese machen das Geschrei und geben den Ton; der größte Haufe schweigt und verhält sich gleichgültig, und denkt bald so, bald anders, hört beim hellen Tage mit Vergnügen über die Gespenster spotten, und bei dunkler Nacht mit Grausen davon erzählen.

- Gotthold Ephraim Lessing

Gotthold Ephraim Lessing

Klugwort Reflexion zum Zitat

In diesem Zitat von Gotthold Ephraim Lessing wird die menschliche Neigung zur Unsicherheit und zur Widersprüchlichkeit in Bezug auf Glauben und Wahrnehmung thematisiert. Lessing spricht die Unsicherheit in Bezug auf das Übernatürliche, insbesondere Gespenster, an und beschreibt die gespaltene Haltung der Gesellschaft zu diesem Thema. Er hebt hervor, dass die Gesellschaft in einer Sache, die weder eindeutig bewiesen noch widerlegt werden kann, von der gegenwärtigen herrschenden Denkweise beeinflusst wird. Wenige vertreten diese Denkweise, aber viele passen sich ihr an, weil sie als die akzeptierte Meinung gilt.

Das Zitat weist darauf hin, wie die breite Masse oft nicht die eigenen Überzeugungen hinterfragt, sondern sich an der vorherrschenden Meinung orientiert, besonders in Fragen, bei denen es keine klare Antwort gibt. Die Menschen neigen dazu, sich von der Meinungsführung der lautesten Stimmen beeinflussen zu lassen, während sie in der Dunkelheit, wenn keine rationale Überprüfung möglich ist, wieder in den Aberglauben zurückfallen. Dies zeigt die menschliche Tendenz, in der Unsicherheit zu schwanken und sich an dem festzuhalten, was gerade als gesellschaftlich akzeptabel erscheint.

Das Zitat regt uns dazu an, über die Rolle der gesellschaftlichen Normen in der Bildung von Überzeugungen nachzudenken und darüber, wie oft Menschen ihre Meinungen ändern oder anpassen, je nachdem, welche Denkweise gerade vorherrscht. Es fordert uns zu einer tieferen Reflexion darüber auf, wie wir selbst in der Frage von Glauben und Zweifeln zu einer ausgewogenen Haltung finden können.

Zitat Kontext

Gotthold Ephraim Lessing war ein deutscher Dichter, Dramatiker und Aufklärer des 18. Jahrhunderts, der für seine kritische Haltung gegenüber religiösen Dogmen und seine Unterstützung der Toleranz bekannt wurde. In diesem Zitat reflektiert Lessing die Tendenz der Gesellschaft, sich von der herrschenden Meinung beeinflussen zu lassen, besonders in Fragen des Glaubens und des Übernatürlichen. Die kritische Betrachtung von Gespenstern und anderen übernatürlichen Phänomenen spiegelt Lessings Aufklärungsideale wider, die den Verstand und die Vernunft über Aberglauben und unreflektierte Überzeugungen stellten.

Historisch gesehen lebte Lessing in einer Zeit, in der die Aufklärung in Europa voranschritt und sich die Menschen zunehmend von religiösen Dogmen und traditionellen Überzeugungen lösten. In einer Zeit, in der der Aberglaube noch weit verbreitet war, stellte Lessing die vorherrschenden Denkweisen in Frage und förderte eine rationalere, skeptische Herangehensweise an solche Phänomene.

Philosophisch steht das Zitat im Einklang mit Lessings Aufklärungsidealen, die die Bedeutung der Vernunft und des freien Denkens betonten. Es fordert die Gesellschaft dazu auf, ihre Überzeugungen zu hinterfragen und sich nicht von der Masse oder von lautstarken Meinungsführern leiten zu lassen.

Auch heute bleibt dieses Zitat von Bedeutung, da es uns dazu anregt, über die Quellen unserer eigenen Überzeugungen nachzudenken und zu reflektieren, inwieweit wir von gesellschaftlichen Normen und der Meinungsführung der Mehrheit beeinflusst werden. Es erinnert uns daran, dass kritisches Denken und die Bereitschaft, Überzeugungen zu hinterfragen, wichtige Elemente eines aufgeklärten Individuums sind.

Daten zum Zitat

Autor:
Gotthold Ephraim Lessing
Tätigkeit:
deutscher Dichter, Schriftsteller, Philosoph und Dramatiker
Epoche:
Aufklärung
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Emotion:
Keine Emotion