Spätherbst in Venedig Nun treibt die Stadt schon nicht mehr wie ein Köder, der alle aufgetauchten Tage fängt. Die gläsernen Paläste klingen spröder an deinen Blick. Und aus den Gärten hängt der Sommer wie ein Haufen Marionetten kopfüber, müde, umgebracht. Aber vom Grund aus alten Waldskeletten steigt Willen auf: als sollte über Nacht der General des Meeres die Galeeren verdoppeln in dem wachen Arsenal, um schon die nächste Morgenluft zu teeren mit einer Flotte, welche ruderschlagend sich drängt und jäh, mit allen Flaggen tagend, den großen Wind hat, strahlend und fatal.

- Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke

Klugwort Reflexion zum Zitat

In diesem Gedicht von Rainer Maria Rilke wird der Übergang vom Herbst zum Winter in Venedig auf eine eindrucksvolle Weise eingefangen. Die Stadt, die einst lebendig und verführerisch wirkte, ist nun ein düsterer Ort, in dem der Sommer nur noch als lebloser, umgebrachter Haufen von Marionetten in den Gärten hängt. Diese Darstellung des Herbstes als eine Zeit des Verfalls und der Erschöpfung ruft eine melancholische Stimmung hervor, die jedoch von einer unerwarteten, fast mystischen Wendung begleitet wird. Rilke spricht von einem „Willen“, der aus den „alten Waldskeletten“ steigt, was darauf hindeutet, dass selbst im Tod und in der Verfallenheit eine unbekannte, unbändige Energie hervortreten kann.

Das Bild der Stadt als „Köder“ und die Paläste, die „spröder klingen“, verweisen auf die Vergänglichkeit der Dinge und die Unaufhaltsamkeit des Wandels. Doch dieser Wandel ist nicht nur negativ, er ist auch von einer tieferen, fast heroischen Dynamik begleitet. Die Vorstellung, dass der „General des Meeres“ über Nacht die Galeeren verdoppeln würde, erzeugt ein Bild von Kraft, Bewegung und einer kommenden Wende. Es ist ein Symbol für die Erneuerung, die im Angesicht des Verfalls entsteht.

Das Zitat fordert den Leser zu einer Reflexion über die zyklische Natur des Lebens und die Möglichkeit von Neuanfängen, selbst in Zeiten des Abbruchs und der Zerstörung. Rilke zeigt, dass aus der Dunkelheit immer wieder neues Leben hervorgehen kann – allerdings nur, wenn wir die Veränderungen akzeptieren und ihnen mit einer unerschütterlichen Bereitschaft begegnen, den „großen Wind“ zu ertragen.

Zitat Kontext

Rainer Maria Rilke, ein bedeutender österreichischer Dichter des 20. Jahrhunderts, war bekannt für seine Fähigkeit, die tiefsten Gefühle und existenziellen Fragen mit lyrischer Präzision auszudrücken. In diesem Gedicht aus seiner Sammlung „Spätherbst in Venedig“ spiegelt sich Rilkes komplexe Sicht auf die Vergänglichkeit und die ständige Transformation des Lebens wider. Die Wahl Venedigs als Schauplatz des Gedichts ist nicht zufällig, da die Stadt für ihre Geschichte des Verfalls und der kulturellen Blüte bekannt ist. Sie wird hier als Metapher für die Zerbrechlichkeit und das stetige Weiterbestehen von Zyklen in der Natur und im menschlichen Leben genutzt.

Historisch gesehen, wurde Rilke in einer Zeit des politischen und kulturellen Umbruchs in Europa aktiv, und seine Werke spiegeln oft die Unsicherheit und die tiefgründigen Fragen über die menschliche Existenz wider. Die Passage aus „Spätherbst in Venedig“ zeigt seine Faszination für das Wechselspiel von Leben und Tod, von Zerfall und Erneuerung. Es zeigt die poetische Fähigkeit, Schönheit und Verfall gleichzeitig zu erfassen und zu verbinden.

Philosophisch betrachtet thematisiert das Gedicht die Vorstellung von Vergänglichkeit als ein wesentlicher Bestandteil des Lebenszyklus. Für Rilke war der Tod nicht das Ende, sondern vielmehr ein Teil des immerwährenden Kreislaufs von Veränderung und Wachstum. Diese Perspektive ermöglicht es, auch im Verfall Schönheit zu erkennen und in der Dunkelheit den Keim für das Neue zu sehen.

Auch heute bleibt das Gedicht von Rilke von Bedeutung, da es uns dazu anregt, über die unaufhaltsamen Zyklen von Leben, Tod und Erneuerung nachzudenken. Es fordert uns auf, den Wandel in der Welt und in unserem eigenen Leben zu akzeptieren, um die tiefere Schönheit des Augenblicks und der ständigen Wiedergeburt zu erkennen.

Daten zum Zitat

Autor:
Rainer Maria Rilke
Tätigkeit:
österreichisch-deutscher Dichter
Epoche:
Moderne
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Emotion:
Keine Emotion