Allein die Liebe –, hat sie nicht jedes Jahrhundert eine andere Gestalt? Man hat angemerkt, daß sie in den barbarischen Zeiten ungemein bescheiden, ehrerbietig, und bis zur Schwärmerei züchtig und beständig gewesen ist; es waren die Zeiten der irrenden Ritter, in den Zeiten hingegen, in welchen sich Witz und Geschmack aus dem Bezirke der Künste und Wissenschaften bis in den Bezirk die Sitten ausgebreitet hatten, waren sie immer kühn, flatterhaft schlüpfricht, und schweiften wohl gar aus dem Gleise der Natur ein wenig aus.

- Gotthold Ephraim Lessing

Gotthold Ephraim Lessing

Klugwort Reflexion zum Zitat

In diesem Zitat von Gotthold Ephraim Lessing reflektiert der Autor über die Veränderung der Liebe im Verlauf der Jahrhunderte. Lessing stellt fest, dass die Liebe nicht konstant bleibt, sondern sich in verschiedenen Epochen in unterschiedlichen Formen zeigt. In den 'barbarischen Zeiten' war die Liebe laut ihm bescheiden und ehrerbietig, fast schwärmerisch und züchtig, während in späteren Zeiten, als der Witz und Geschmack aus den Künsten und Wissenschaften in die Sitten der Gesellschaft eingedrungen waren, die Liebe kühner, flatterhafter und oftmals auch schlüpfriger wurde. Lessing zieht hier eine Parallele zwischen den gesellschaftlichen Veränderungen und der Entwicklung der Liebe als Konzept, was auf die Kulturgeschichte und die Veränderung der moralischen Normen hinweist.

Das Zitat spricht die Verbindung zwischen den sozialen Normen und der Art und Weise, wie die Menschen Liebe und zwischenmenschliche Beziehungen erleben und ausdrücken, an. Es zeigt, dass die Liebe nicht nur ein individuelles Gefühl ist, sondern in engem Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten steht. Die Entwicklung von der bescheidenen, fast idealisierten Liebe hin zu einer kühneren und teilweise unkonventionellen Form kann als Spiegelbild der kulturellen Veränderungen in der Gesellschaft betrachtet werden. Die Veränderung der sozialen Werte beeinflusst die Ausdrucksformen der Liebe und stellt eine interessante Reflexion über die historischen und kulturellen Entwicklungen dar.

Diese Überlegung eröffnet auch den Raum für die Frage, wie sich die Liebe heute manifestiert und ob die gesellschaftlichen Normen der modernen Welt Einfluss auf die Art und Weise haben, wie Liebe erlebt und ausgedrückt wird.

Zitat Kontext

Gotthold Ephraim Lessing war ein bedeutender deutscher Dichter, Dramatiker und Aufklärer des 18. Jahrhunderts, der als einer der führenden Köpfe der deutschen Aufklärung gilt. Er setzte sich in seinen Werken intensiv mit Themen wie Toleranz, Vernunft und Moral auseinander und hinterfragte die gesellschaftlichen Normen seiner Zeit. In diesem Zitat beschäftigt sich Lessing mit der Idee, dass die Liebe eine wandelbare Größe ist, die sich den jeweiligen kulturellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anpasst.

Lessings Sichtweise auf die Liebe kann als eine kritische Reflexion der Gesellschaft seiner Zeit verstanden werden, die durch eine zunehmende Rationalisierung und die Erweiterung der Künste und Wissenschaften gekennzeichnet war. Die Veränderung in der Wahrnehmung von Liebe, von einer nahezu religiösen, züchtigen Haltung hin zu einer offeneren und fließenderen Einstellung, spiegelt die allgemeinen Umwälzungen der Aufklärung wider, die die traditionellen Werte und Normen hinterfragte und durch neue, oft provokante Ideen ersetzte. Das Zitat kann als eine subtile Kritik an der 'verblassten' Liebe in seiner Zeit verstanden werden, die nicht mehr der reinen, idealisierten Vorstellung entspricht, sondern durch die zunehmende Freizügigkeit der Gesellschaft beeinflusst wird.

Im historischen Kontext der Aufklärung wird die Veränderung der Liebe als Teil eines größeren gesellschaftlichen Wandels dargestellt, der von der rationalen Philosophie und der Betonung individueller Freiheit geprägt war. Lessing stellt fest, dass sich die Liebe, ebenso wie andere soziale Institutionen, im Laufe der Geschichte verändert hat und diesen Veränderungen unterliegt.

Daten zum Zitat

Autor:
Gotthold Ephraim Lessing
Tätigkeit:
deutscher Dichter, Schriftsteller, Philosoph und Dramatiker
Epoche:
Aufklärung
Mehr?
Alle Gotthold Ephraim Lessing Zitate
Emotion:
Keine Emotion