Unser Stolz auf den Besitz irgendeiner guten Eigenschaft erleidet einen argen Stoß, wenn wir sehen, wie stolz andere auf das Nichtbesitzen der selben guten Eigenschaft sind.
- Marie von Ebner-Eschenbach

Klugwort Reflexion zum Zitat
Marie von Ebner-Eschenbachs Zitat offenbart eine subtile Beobachtung über den menschlichen Stolz und die Relativität von Werten. Es erinnert uns daran, dass das, was wir als Tugend betrachten und worauf wir stolz sind, nicht universell als erstrebenswert angesehen wird. Menschen bewerten Eigenschaften unterschiedlich, abhängig von ihrer Kultur, Erziehung oder persönlichen Überzeugungen. So entsteht die paradoxe Situation, dass unser Stolz über eine Tugend plötzlich ins Wanken gerät, wenn wir erkennen, dass andere stolz darauf sind, genau diese Eigenschaft nicht zu besitzen.
Dieses Phänomen wirft grundlegende Fragen auf: Wie definieren wir Werte? Und wie abhängig ist unser Stolz von der Zustimmung anderer? Der Stolz eines Menschen basiert oft auf der Annahme, dass seine Tugenden objektiv positiv und allgemein anerkannt sind. Wenn diese Annahme durch die gegensätzliche Haltung anderer herausgefordert wird, stellt sich ein Gefühl von Verunsicherung ein. Diese Beobachtung kann zu einer wertvollen Selbsterkenntnis führen: Stolz sollte weniger von der externen Validierung durch andere abhängen und stärker auf innerer Überzeugung und Authentizität basieren.
Das Zitat ist zugleich eine Aufforderung zur Toleranz. Anstatt den Stolz anderer zu belächeln oder abzuwerten, sollten wir versuchen zu verstehen, warum sie anders denken. Diese Reflexion fördert ein tiefes Bewusstsein für die Vielfalt menschlicher Ansichten und Werte und kann dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und Offenheit zu entwickeln.
Zitat Kontext
Marie von Ebner-Eschenbach war eine scharfsinnige Beobachterin der menschlichen Psyche und Gesellschaft. Ihr Zitat stammt aus einer Zeit, in der Werte und Tugenden stark von gesellschaftlichen Normen geprägt waren. Der Stolz auf bestimmte Eigenschaften – etwa Sparsamkeit, Fleiß oder Mut – galt oft als selbstverständlich und wurde selten hinterfragt. Doch Ebner-Eschenbachs Aphorismus zeigt, dass diese vermeintlichen Gewissheiten nicht universell gelten. Sie hebt hervor, wie relativ Werte sind und wie sehr sie von persönlichen oder kulturellen Perspektiven abhängen.
Dieses Zitat könnte im Kontext der wachsenden Individualisierung im 19. Jahrhundert entstanden sein, als traditionelle Werte und Normen durch neue gesellschaftliche Strömungen infrage gestellt wurden. Ebner-Eschenbach zeigt, dass der Stolz auf Tugenden oft ebenso subjektiv ist wie die Tugenden selbst. Diese Einsicht hat auch heute noch Bedeutung: In einer globalisierten Welt mit vielfältigen Kulturen und Perspektiven stoßen unterschiedliche Wertvorstellungen unweigerlich aufeinander.
Das Zitat fordert uns dazu auf, unsere eigene Überzeugung von Werten kritisch zu hinterfragen. Es erinnert daran, dass Stolz auf eine Eigenschaft nur dann nachhaltig ist, wenn er auf echter Überzeugung basiert und nicht davon abhängt, ob andere unsere Werte teilen. Gleichzeitig betont es, dass wir die Ansichten und Stolzgefühle anderer respektieren sollten, selbst wenn sie unseren eigenen Überzeugungen widersprechen. Diese Haltung der Toleranz und Selbstreflexion war eine zentrale Botschaft in Ebner-Eschenbachs Werk und bleibt zeitlos relevant.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Marie von Ebner-Eschenbach
- Tätigkeit:
- Österreichische Schriftstellerin
- Epoche:
- Realismus
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- Emotion:
- Keine Emotion