Nachruf O du, die ungern mir voran gegangen, Wirst du wohl noch des Erdentraums gedenken? Und fühlst du wohl, den Flug zurück zu lenken, Zuweilen noch ein flüchtiges Verlangen? Gewiß! Du kennst ja meiner Seele Bangen, Wirst einen letzten Gruß ihr gerne schenken, Dann aber wirst du auf dein Grab dich senken, Denn dieß, du weißt es, hält mich stets gefangen. Doch wenn du nun in nächtlich-heil'ger Stille Hernieder schwebst, ein Lüftchen deine Hülle, Was wird mir deine Gegenwart verkünden? Ach, dieses, daß sich Gram und Wehmuth legen, Daß Funken sich von neuer Wonne regen, Denn deine Nähe nur kann sie entzünden.

- Friedrich Hebbel

Friedrich Hebbel

Klugwort Reflexion zum Zitat

In diesem tiefgründigen Gedicht von Friedrich Hebbel wird der schmerzhafte Moment des Verlustes und die unendliche Sehnsucht nach einer verlorenen Person thematisiert. Hebbel beschreibt den inneren Konflikt zwischen der Erkenntnis des Verlustes und dem Wunsch, sich an die Erinnerung und Nähe der Verstorbenen zu klammern. Das Bild der 'nächtlich-heil'gen Stille' und der sanften Präsenz des Verstorbenen als ein 'Lüftchen' spiegelt die Idee wider, dass auch nach dem Tod eine Form von Nähe und Trost spürbar bleibt.

Das Gedicht bringt die Vorstellung zum Ausdruck, dass der Verlust eines geliebten Menschen nicht vollständig und endgültig ist, sondern dass es Momente gibt, in denen die Erinnerung und die Gegenwart dieser Person in einer fast mystischen Weise wieder aufleben. Die 'Funken neuer Wonne' sind ein Symbol für die Hoffnung und die Möglichkeit, dass der Schmerz des Verlustes durch die Erinnerung und den inneren Frieden, den diese Nähe mit sich bringt, gemildert wird. Das Zitat ist eine Meditation über das Band zwischen den Lebenden und den Verstorbenen und zeigt die heilende Kraft der Erinnerung.

Es regt dazu an, über den Prozess der Trauer und den Umgang mit Verlust nachzudenken. Es fordert uns zu einer Perspektive auf, in der der Tod nicht das Ende einer Beziehung ist, sondern diese in einer anderen, spirituellen Form weiterlebt. Das Gedicht kann als Aufforderung verstanden werden, die Erinnerung an die Verstorbenen zu bewahren und ihren Einfluss auf unser Leben weiterhin zu schätzen.

Zitat Kontext

Friedrich Hebbel war ein deutscher Dramatiker und Lyriker des 19. Jahrhunderts, der vor allem für seine tiefgehenden und philosophischen Gedichte bekannt war. In diesem 'Nachruf' zeigt Hebbel seine charakteristische Fähigkeit, das menschliche Leben und die damit verbundenen existenziellen Fragen zu ergründen. Das Gedicht befasst sich mit den Themen des Verlustes, der Trauer und der Erinnerung – Themen, die in vielen von Hebbels Arbeiten vorkommen.

Das Gedicht wurde in einer Zeit verfasst, in der viele Dichter des 19. Jahrhunderts, insbesondere in der Romantik und dem Vormärz, den Tod und die Transzendenz als zentrale Themen behandelten. Hebbel jedoch hatte eine differenzierte Sicht auf den Tod, die sowohl die Trauer als auch die Möglichkeit einer fortbestehenden Verbindung zu den Verstorbenen in den Vordergrund stellt.

Philosophisch betrachtet spiegelt dieses Gedicht Hebbels Überlegungen zur Verbindung zwischen Leben und Tod wider. Die Vorstellung, dass die Erinnerung an einen geliebten Menschen Trost bringen kann, wird durch das Bild eines wiederkehrenden 'Lüftchens' und einer flimmernden 'neuen Wonne' symbolisiert. Es zeigt, dass der Verlust zwar schmerzhaft ist, jedoch auch Raum für Heilung und neue Perspektiven schafft.

Das Gedicht bleibt auch heute relevant, da es die universellen Themen des Verlusts und der Erinnerung anspricht, die immer noch von vielen Menschen erlebt werden. Es erinnert uns daran, dass der Tod nicht das Ende der emotionalen Verbindung zu einem Menschen ist, sondern dass diese Bindung in einer neuen Form fortbestehen kann.

Daten zum Zitat

Autor:
Friedrich Hebbel
Tätigkeit:
deutscher Dramatiker und Lyriker
Epoche:
Realismus
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Emotion:
Keine Emotion