Himmlische Tugenden! Was hilft es, euch zu kennen, In reiner Glut für euch, als unser Glück, zu brennen, Wenn auch der kühnste Schwung sich schimpflich wieder senkt, Und uns das Laster stets an kurzen Banden lenkt?
- Gotthold Ephraim Lessing

Klugwort Reflexion zum Zitat
Gotthold Ephraim Lessing wirft in diesem Gedicht eine tiefgründige Frage auf: Was nützt es, Tugenden zu kennen und nach ihnen zu streben, wenn wir dennoch immer wieder durch unsere menschlichen Schwächen zurückgehalten werden? Die Worte erinnern uns daran, dass das Streben nach moralischer Vollkommenheit oft durch die Realität menschlicher Unzulänglichkeiten erschwert wird. Trotz der reinsten Absichten und höchsten Ideale bleibt der Mensch anfällig für Versuchungen und Fehler.
Lessing stellt hier die Spannung zwischen dem Ideal und der Realität dar, die in vielen philosophischen und religiösen Diskursen thematisiert wird. Seine Metapher vom „kühnsten Schwung“, der sich schimpflich senkt, verdeutlicht den Kontrast zwischen der Höhe unserer Ambitionen und der Schwere, mit der uns die Realität auf den Boden zurückholt. Die kurzen Banden des Lasters symbolisieren die unmittelbare Nähe und die Macht unserer Schwächen, die uns immer wieder einholen.
Das Gedicht kann als Einladung verstanden werden, die eigenen Begrenzungen anzuerkennen, ohne das Streben nach Tugendhaftigkeit aufzugeben. Es fordert uns auf, Demut zu üben und die Komplexität des Menschseins zu akzeptieren. Statt uns durch das Scheitern entmutigen zu lassen, sollten wir erkennen, dass der wahre Wert nicht nur im Erreichen von Tugenden liegt, sondern im unermüdlichen Streben nach ihnen.
Zitat Kontext
Gotthold Ephraim Lessing war einer der bedeutendsten Schriftsteller und Aufklärer des 18. Jahrhunderts. Seine Werke, darunter Dramen wie *Nathan der Weise* und philosophische Schriften wie *Erziehung des Menschengeschlechts*, reflektieren zentrale Themen der Aufklärung wie Vernunft, Toleranz und die Suche nach moralischen Prinzipien. Dieses Zitat passt in den Kontext von Lessings Denken, das häufig den Konflikt zwischen Idealen und der Realität des menschlichen Daseins untersucht.
Die Zeilen aus seinem Gedicht können als Kommentar zur menschlichen Natur gelesen werden. Sie reflektieren die aufklärerische Überzeugung, dass der Mensch durch Vernunft und Bildung moralische Tugenden erlangen kann, stellen aber gleichzeitig die Schwierigkeit dar, diese Ideale im täglichen Leben umzusetzen. Lessing betont hier die Diskrepanz zwischen der Sehnsucht nach Tugendhaftigkeit und der Kraft der menschlichen Schwächen, die diesen Streben oft im Weg stehen.
In einem weiteren historischen Kontext erinnert das Gedicht daran, dass die Aufklärung selbst kein abgeschlossener Prozess war, sondern ein ständiger Kampf zwischen idealistischer Theorie und der Praxis in einer Welt voller gesellschaftlicher und individueller Herausforderungen. Lessings Worte inspirieren uns auch heute noch dazu, diesen Kampf anzunehmen und nach Wegen zu suchen, unsere Schwächen zu überwinden, während wir weiterhin nach höheren Idealen streben.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Gotthold Ephraim Lessing
- Tätigkeit:
- deutscher Dichter, Schriftsteller, Philosoph und Dramatiker
- Epoche:
- Aufklärung
- Mehr?
- Alle Gotthold Ephraim Lessing Zitate
- Emotion:
- Keine Emotion