Die Forderung möglichster Klarheit in allen Dingen, die wir andern gegenüber so gern geltend machen, entspringt vornehmlich dem Unbehagen, das uns alles nicht völlig Verstandene als etwas von uns nicht völlig Beherrschtes einflößt. Es ist der ewige Kummer der Durchschnittsintelligenz, daß es auch außerhalb ihres Begriffsvermögens noch Geistigkeit gibt.
- Christian Morgenstern
Klugwort Reflexion zum Zitat
Morgenstern beleuchtet in diesem Zitat den menschlichen Drang nach Klarheit und Kontrolle. Er zeigt auf, wie das Bedürfnis, alles verstehen und erklären zu können, oft aus einer inneren Unsicherheit oder dem Unbehagen vor dem Unbekannten entsteht. Für ihn liegt darin eine gewisse Begrenztheit des menschlichen Denkens, insbesondere bei denen, die in ihrer Rationalität gefangen sind und die Existenz von Dingen außerhalb ihres Begriffsvermögens nur schwer akzeptieren können.
Dieses Zitat regt dazu an, über die eigene Haltung gegenüber dem Unbekannten nachzudenken. Es zeigt, wie Menschen dazu neigen, das, was sie nicht verstehen, als bedrohlich oder minderwertig zu empfinden. Doch wahre Geistigkeit, so Morgenstern, existiert unabhängig davon, ob sie in den Bereich unseres Verstehens fällt. Diese Perspektive fordert dazu auf, Demut zu entwickeln und die Begrenzungen der eigenen Intelligenz anzuerkennen.
Das Zitat ist besonders relevant in einer Zeit, in der Menschen verstärkt danach streben, die Welt durch Wissenschaft und Technik zu erklären. Es erinnert daran, dass es Bereiche gibt, die jenseits unserer Kontrolle und unseres Verständnisses liegen, und dass dies nicht als Scheitern, sondern als eine natürliche Grenze der menschlichen Wahrnehmung gesehen werden sollte.
Zitat Kontext
Christian Morgenstern, bekannt als Lyriker und Denker, setzt sich in diesem Zitat mit der menschlichen Haltung zur Erkenntnis auseinander. In seinen Werken, insbesondere in seinen philosophischen Reflexionen, zeigt sich eine tiefe Auseinandersetzung mit der Begrenztheit des menschlichen Verstandes und der Akzeptanz des Unbegreiflichen. Dieses Zitat ist ein Beispiel für seine kritische Betrachtung der menschlichen Intelligenz und ihrer oft überhöhten Ansprüche.
Zur Zeit Morgensterns war die Wissenschaft in einer Phase des rasanten Fortschritts. Viele Menschen glaubten, dass alles durch rationales Denken und wissenschaftliche Methoden erklärbar sei. Morgenstern stellt diesem Optimismus eine skeptische Sicht gegenüber. Er erkennt an, dass es Bereiche gibt, die über die bloße Rationalität hinausgehen – sei es in der Kunst, der Philosophie oder in spirituellen Dimensionen.
Im heutigen Kontext ist dieses Zitat weiterhin bedeutsam. Die zunehmende Abhängigkeit von Daten, Algorithmen und erklärbaren Modellen verstärkt den Wunsch nach Klarheit und Beherrschbarkeit. Doch Morgensterns Einsicht fordert dazu auf, die Begrenztheit solcher Ansätze anzuerkennen und die Existenz von Geistigkeit und Komplexität jenseits des Begreifbaren zu akzeptieren. Es ist ein Aufruf zur Bescheidenheit und zur Öffnung gegenüber dem, was sich nicht sofort erklären oder verstehen lässt.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Christian Morgenstern
- Tätigkeit:
- deutscher Schriftsteller und Dichter
- Epoche:
- Moderne
- Mehr?
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- Emotion:
- Keine Emotion