Die Ehrlichen Man zeigt heute unverhohlen, was einer dem andern stahl. Und wer vor den andern gestohlen, der gilt als Original.
- Karl Kraus

Klugwort Reflexion zum Zitat
Karl Kraus’ Zitat ist eine scharfe und zugleich zynische Kritik an gesellschaftlichen und kulturellen Werten. Es thematisiert die Ironie, dass in einer Welt, in der Nachahmung und Kopieren alltäglich geworden sind, diejenigen, die schneller oder geschickter ‚stehlen‘, als originell und bewundernswert wahrgenommen werden. Kraus beleuchtet damit eine Verschiebung der Maßstäbe für Authentizität und Integrität, bei der Erfolg und Originalität nicht mehr auf wahrem Können oder Kreativität beruhen, sondern auf der Geschwindigkeit und Dreistigkeit, mit der man Ideen übernimmt.
Dieses Zitat regt dazu an, über die Bedeutung von Originalität und Ehrlichkeit nachzudenken. Es stellt die Frage, wie in einer Welt, die oft von Wettbewerb und Oberflächlichkeit geprägt ist, wahre Innovation und Authentizität gewürdigt werden können. Kraus’ Beobachtung trifft besonders auf moderne Gesellschaften zu, in denen Trends schnell verbreitet werden und kreative Werke oft kopiert oder modifiziert erscheinen, ohne die Quelle zu würdigen.
Die Aussage wirft auch einen kritischen Blick auf den moralischen Umgang mit Erfolg. Wer ‚vor den andern stiehlt‘, wird bewundert, weil er schneller oder geschickter war – nicht unbedingt, weil er tatsächlich etwas Eigenes geschaffen hat. Kraus entlarvt die Scheinheiligkeit hinter dieser Bewunderung und fordert uns auf, unsere Werte zu hinterfragen. Was bewundern wir tatsächlich: die Leistung oder die Geschwindigkeit des Erfolgs?
Zusammengefasst ist Kraus’ Zitat ein Aufruf zur Reflexion über Integrität, Authentizität und die Mechanismen, die bestimmen, was in der Gesellschaft als wertvoll oder bewundernswert gilt. Es fordert uns dazu auf, hinter die Fassaden von Originalität und Erfolg zu blicken und nach den wahren Quellen von Kreativität und Ehrlichkeit zu suchen.
Zitat Kontext
Karl Kraus (1874–1936) war ein österreichischer Schriftsteller, Satiriker und scharfsinniger Kritiker der Gesellschaft. Seine Werke, insbesondere seine Zeitschrift ‚Die Fackel‘, waren bekannt für ihre bissige Kritik an Politik, Medien und kulturellen Trends seiner Zeit. Dieses Zitat spiegelt Kraus’ Fähigkeit wider, mit wenigen Worten tiefgehende gesellschaftliche Missstände zu beleuchten.
Der historische Kontext dieses Zitats liegt in der frühen Moderne, einer Zeit, in der sich gesellschaftliche Werte und Normen rapide veränderten. In der Kunst- und Literaturszene des frühen 20. Jahrhunderts, die Kraus intensiv beobachtete, war Originalität ein hoch geschätzter Wert – und doch war sie oft durch Plagiate, Nachahmungen und Oberflächlichkeit untergraben. Kraus kritisierte diese Doppelmoral und die zunehmende Kommerzialisierung von Kunst und Kultur.
Philosophisch lässt sich das Zitat mit der Kritik an modernen Werten verbinden, wie sie auch von Denkern wie Walter Benjamin oder Theodor W. Adorno formuliert wurde. Es beleuchtet die Spannungen zwischen Authentizität und Reproduktion in einer zunehmend industrialisierten und mediengesteuerten Gesellschaft.
In der heutigen Zeit, geprägt von sozialen Medien und einer Kultur der schnellen Verbreitung von Ideen, bleibt Kraus’ Zitat hochaktuell. Es fordert uns auf, die Quellen von Kreativität und Erfolg kritisch zu hinterfragen und uns nicht von bloßer Geschwindigkeit oder Oberflächlichkeit beeindrucken zu lassen. Kraus erinnert daran, dass wahre Originalität und Ehrlichkeit nicht in der Nachahmung, sondern in der Tiefe des Schaffensprozesses zu finden sind.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Karl Kraus
- Tätigkeit:
- österreichischer Schriftsteller, Publizist, Satiriker und Dramatiker
- Epoche:
- Moderne
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- Emotion:
- Keine Emotion