Ich hasste zum Beispiel mein Gesicht, fand es abscheulich und hatte sogar den Verdacht, dass es einen gemeinen Ausdruck hatte, und deshalb bemühte ich mich jedes Mal, wenn ich zur Arbeit kam, so unabhängig wie möglich zu sein und so viel Noblesse wie möglich mit meinem Gesicht auszudrücken. „Es soll kein schönes Gesicht sein“, dachte ich, „aber dafür soll es ein edles, ausdrucksstarkes und vor allem äußerst intelligentes sein.“ Doch ich wusste mit Gewissheit und Leid, dass ich mit dem Gesicht, das ich hatte, all diese Vollkommenheiten niemals würde ausdrücken können. Das Schlimmste daran war, dass ich es geradezu dumm fand. Dabei wäre ich mit Intelligenz durchaus zufrieden gewesen. Sagen wir, ich wäre sogar mit einem gemeinen Gesichtsausdruck einverstanden gewesen, vorausgesetzt, dass man mein Gesicht gleichzeitig für furchtbar intelligent hält.

- Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Klugwort Reflexion zum Zitat

In diesem Zitat legt Fjodor Michailowitsch Dostojewski einen tiefen Einblick in die inneren Kämpfe eines Individuums mit Selbstwahrnehmung und Unsicherheit dar. Der Erzähler offenbart seine Abneigung gegenüber dem eigenen Äußeren und die obsessive Suche nach einem Ausdruck, der über Oberflächlichkeit hinausgeht und Intelligenz oder Adel vermittelt. Dieses Dilemma zwischen Selbstakzeptanz und dem Wunsch, von anderen als intelligent oder nobel wahrgenommen zu werden, zeigt die Komplexität menschlicher Selbstkritik.

Die Reflexion über dieses Zitat führt zu der Erkenntnis, dass die Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit oft aus gesellschaftlichen Erwartungen und dem Wunsch nach Anerkennung resultiert. Der Erzähler stellt den Konflikt zwischen dem, was er ist, und dem, was er sein möchte, in den Mittelpunkt seiner Gedanken. Diese Spannung zeigt die Universalität des menschlichen Wunsches, sich in den Augen anderer wertvoll zu fühlen.

Das Zitat inspiriert dazu, über die eigene Selbstwahrnehmung und die Rolle äußerlicher Merkmale bei der Definition von Identität nachzudenken. Es erinnert daran, dass wahre Akzeptanz nicht von äußeren Eigenschaften, sondern von der Fähigkeit abhängt, sich selbst mit all seinen Makeln zu lieben. Dostojewski zeigt, dass Intelligenz, Noblesse und Authentizität von innen kommen und nicht ausschließlich durch äußeren Ausdruck vermittelt werden.

Zitat Kontext

Fjodor Michailowitsch Dostojewski, einer der bedeutendsten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, war bekannt für seine psychologischen und existenziellen Erkundungen. Dieses Zitat könnte aus einem seiner Werke stammen, in denen er oft die Unsicherheiten und Widersprüche der menschlichen Psyche darstellt. Seine Charaktere sind häufig mit Selbstzweifeln und gesellschaftlichen Zwängen konfrontiert, was auch in dieser Passage deutlich wird.

Im historischen Kontext spiegelt das Zitat die Spannung zwischen Individualität und gesellschaftlichen Normen wider, die in Dostojewskis Zeit besonders ausgeprägt war. Die russische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts war stark von sozialen Hierarchien und äußeren Erscheinungen geprägt, was den inneren Konflikt des Erzählers noch verstärken könnte.

Heute ist dieses Zitat nach wie vor relevant, da es die zeitlose Herausforderung der Selbstakzeptanz anspricht. In einer Welt, die zunehmend durch soziale Medien und Oberflächlichkeit geprägt ist, erinnert es daran, dass wahre Stärke und Wert nicht durch äußeres Erscheinungsbild, sondern durch innere Überzeugungen definiert werden sollten. Dostojewskis Einsichten sind ein Appell, sich selbst anzunehmen und die eigenen inneren Werte zu kultivieren.

Daten zum Zitat

Autor:
Fjodor Michailowitsch Dostojewski
Tätigkeit:
russischer Schriftsteller
Epoche:
Realismus
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Emotion:
Keine Emotion