Der Unterschied zwischen der alten und der neuen Seelenkunde ist der, daß die alte über jede Abweichung von der Norm sittlich entrüstet war und die neue der Minderwertigkeit zu einem Standesbewußtsein verholfen hat.
- Karl Kraus

Klugwort Reflexion zum Zitat
Karl Kraus beschreibt hier eine Veränderung in der Wahrnehmung von psychischen oder gesellschaftlichen Abweichungen über die Zeit hinweg.
Früher wurden Abweichungen von gesellschaftlichen Normen oft moralisch verurteilt. Menschen, die anders dachten oder sich anders verhielten, wurden schnell als unsittlich oder problematisch betrachtet. In der modernen Gesellschaft hat sich dies verändert – doch laut Kraus nicht unbedingt zum Besseren. Er kritisiert, dass sich eine Art 'Standesbewusstsein' entwickelt hat, in der sich selbst jene, die früher als ‚minderwertig‘ galten, nun als besondere Gruppe definieren und dadurch Legitimation erhalten.
Sein Zitat lässt sich auf viele heutige gesellschaftliche Debatten übertragen. Wo früher Stigmatisierung herrschte, gibt es heute oft eine Gegenbewegung, die dazu führt, dass Identitäten und Gruppenzugehörigkeiten verhärtet werden. Kraus warnt davor, dass eine solche Umkehr ebenso problematisch sein kann wie frühere Diskriminierung.
Seine Worte fordern dazu auf, über den Umgang mit gesellschaftlichen und psychologischen Kategorien nachzudenken. Wann ist eine Veränderung wirklich Fortschritt – und wann führt sie nur zu neuen Formen der Spaltung oder Überhöhung bestimmter Gruppen?
Zitat Kontext
Karl Kraus (1874–1936) war ein österreichischer Satiriker und Kulturkritiker, der besonders für seine bissigen Analysen von Sprache, Gesellschaft und Politik bekannt war.
Sein Zitat reflektiert eine kritische Perspektive auf den gesellschaftlichen Wandel im frühen 20. Jahrhundert. Die Psychologie begann sich damals von einer rein moralischen Betrachtung abzulösen und wurde zunehmend wissenschaftlicher. Kraus erkannte aber auch, dass jede neue Denkweise ihre eigenen Probleme mit sich bringt.
Zur Zeit Kraus’ war die Gesellschaft im Umbruch. Neue psychologische Theorien veränderten die Art, wie Menschen sich selbst sahen, und soziale Bewegungen stellten traditionelle Normen infrage. Während dies auf der einen Seite Befreiung bedeutete, sah Kraus auch die Gefahr, dass neue Kategorien geschaffen wurden, die sich wiederum verfestigten.
Sein Gedanke bleibt aktuell, da gesellschaftliche Identitätsfragen und psychologische Deutungsmuster weiterhin diskutiert werden. Kraus’ Zitat ist eine Mahnung, vorsichtig mit der Schaffung neuer Normen umzugehen – und zu hinterfragen, ob sie wirklich zu mehr Freiheit führen oder nur neue Formen der Abgrenzung schaffen.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Karl Kraus
- Tätigkeit:
- österreichischer Schriftsteller, Publizist, Satiriker und Dramatiker
- Epoche:
- Moderne
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- Emotion:
- Keine Emotion