Wer möchte diesen Erdenball Noch fernerhin betreten, Wenn wir Bewohner überall Die Wahrheit sagen täten. Ihr hießet uns, wir hießen euch Spitzbuben und Halunken, Wir sagten uns fatales Zeug Noch eh wir uns betrunken. Und überall im weiten Land, Als langbewährtes Mittel, Entsproßte aus der Menschenhand Der treue Knotenknittel. Da lob ich mir die Höflichkeit, Das zierliche Betrügen. Du weißt Bescheid, ich weiß Bescheid; Und allen macht's Vergnügen.

- Wilhelm Busch

Wilhelm Busch

Klugwort Reflexion zum Zitat

Wilhelm Busch reflektiert in diesem Gedicht auf humorvolle und zugleich scharfsinnige Weise die menschliche Neigung, die Wahrheit zugunsten von Höflichkeit und sozialer Harmonie zu vermeiden. Er stellt die Hypothese auf, dass eine Welt, in der jeder stets die ungeschönte Wahrheit ausspricht, unerträglich wäre. Konflikte, Beleidigungen und sogar Gewalt wären unvermeidlich, da die Menschen nicht in der Lage sind, mit der schonungslosen Ehrlichkeit umzugehen.

Stattdessen lobt Busch die „Höflichkeit“ und das „zierliche Betrügen“ als gesellschaftliche Mechanismen, die das Zusammenleben erleichtern. Mit diesen Mitteln werden Wahrheiten diplomatisch verschleiert, wodurch der soziale Frieden gewahrt bleibt. Dieses Gedicht ist ein ironischer Kommentar auf die menschliche Natur und die Unfähigkeit, die Wahrheit ohne Konsequenzen zu ertragen. Es zeigt auch, wie unausgesprochene Übereinkünfte und subtile Lügen oft als Schmiermittel der Gesellschaft dienen.

Das Gedicht regt dazu an, die Balance zwischen Ehrlichkeit und Diplomatie zu hinterfragen. Es erinnert daran, dass Höflichkeit nicht zwangsläufig Heuchelei bedeutet, sondern ein Werkzeug sein kann, um Beziehungen zu pflegen und Konflikte zu vermeiden. Buschs Worte fordern uns auf, die Wahrheit nicht als absoluten Wert zu betrachten, sondern als eine Nuance, die im sozialen Kontext angepasst werden muss. Sie zeigen, dass menschliches Miteinander oft mehr von Taktgefühl als von kompromissloser Offenheit geprägt ist.

Zitat Kontext

Wilhelm Busch, bekannt für seine satirischen und humorvollen Werke, war ein scharfer Beobachter menschlicher Schwächen und gesellschaftlicher Gepflogenheiten. In diesem Gedicht setzt er sich mit der Rolle von Höflichkeit und Wahrheit in sozialen Beziehungen auseinander. Es entstand in einer Zeit, in der gesellschaftliche Konventionen und Etikette einen hohen Stellenwert hatten, und spiegelt die Spannung zwischen individuellem Ausdruck und sozialer Anpassung wider.

Buschs humorvolle Kritik an der absoluten Wahrheit steht im Kontrast zu idealistischen Vorstellungen, die Ehrlichkeit als höchsten Wert propagieren. Er zeigt, dass menschliche Gesellschaften oft von Kompromissen und subtilen Unwahrheiten zusammengehalten werden. Seine Worte sind jedoch nicht nur Kritik, sondern auch Anerkennung der menschlichen Fähigkeit, durch Diplomatie und Höflichkeit Frieden zu wahren.

Heute ist dieses Gedicht besonders relevant, da moderne Kommunikationsformen wie soziale Medien oft zwischen ungebremster Offenheit und oberflächlicher Höflichkeit schwanken. Buschs Beobachtung erinnert daran, dass eine Balance zwischen Ehrlichkeit und sozialer Diplomatie notwendig ist, um sowohl persönliche Beziehungen als auch größere Gemeinschaften intakt zu halten. Seine satirische Perspektive ermutigt dazu, menschliche Schwächen mit Humor zu betrachten und die Bedeutung von Takt und Höflichkeit im Alltag nicht zu unterschätzen.

Daten zum Zitat

Autor:
Wilhelm Busch
Tätigkeit:
Dichter, Zeichner, Karikaturist
Epoche:
Realismus
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Emotion:
Keine Emotion