Wenn jemand gegen etwas vorgeht, so geht er nicht gegen das ganze Etwas vor: denn das sieht er dann gar nicht mehr. Sondern er sieht dann nur noch das ›rote Tuch‹ in dem Etwas. Nie wird gegen ›etwas‹ vorgegangen, immer nur gegen rotes Tuch. Und wenn zwei Völker gegen einander ziehen, so stürzt ein jedes bloß gegen rotes Tuch: denn wie könnte ein Volk wider ein andres Volk sein, wenn nicht die Helden vom roten Tuch wären, wenn nicht unaufhörlich von hüben und drüben auf rotes Tuch aufmerksam gemacht würde, so daß die Völker, die armen Stiere, zuletzt wild werden und einander anrennen.
- Christian Morgenstern
Klugwort Reflexion zum Zitat
In diesem Zitat von Christian Morgenstern wird auf eine sehr treffende Weise das Phänomen des Sündenbocks und der Vereinfachung komplexer Konflikte dargestellt. Morgenstern erklärt, dass Menschen oder Völker nicht gegen ein abstraktes, umfassendes „Etwas“ kämpfen, sondern immer nur gegen das, was ihnen als Ziel, als „rotes Tuch“ präsentiert wird. Das „rote Tuch“ wird hier als Symbol für das, was uns zu Gegnern macht, der Fokus auf etwas Einzelnes, das in den Vordergrund gerückt wird, um Konflikte zu schüren. Es ist der rote Hering, der unsere Aufmerksamkeit von der Komplexität des Ganzen abzieht.
Morgenstern zeigt, wie durch eine solche Fokussierung auf Einzelheiten oder Vereinfachungen die wahre Bedeutung des Konflikts verloren geht. Besonders in geopolitischen oder gesellschaftlichen Konflikten wird oft nicht das gesamte Bild gesehen, sondern nur der Teil, der zur Schaffung von Feindbildern geeignet ist. Indem man das „rote Tuch“ hervorhebt, wird der Gegner entmenschlicht und der Konflikt scheint unvermeidlich.
Das Zitat fordert dazu auf, bei der Betrachtung von Konflikten tiefer zu blicken und sich nicht von vereinfachten, eindimensionalen Darstellungen der Realität blenden zu lassen. Es fordert uns zu einer bewussten Auseinandersetzung mit den wahren Ursachen von Spannungen auf und erinnert uns daran, dass hinter jedem „roten Tuch“ eine Vielzahl von Perspektiven und Komplexitäten verborgen ist.
Zitat Kontext
Christian Morgenstern war ein deutscher Dichter, der für seinen Humor und seine tiefgründigen, oft satirischen Betrachtungen des menschlichen Lebens bekannt war. In seinen Arbeiten setzte er sich häufig mit den Absurditäten der menschlichen Existenz auseinander und thematisierte in einem spielerischen Ton philosophische und gesellschaftliche Probleme. In diesem Zitat geht Morgenstern auf die Vereinfachung von Konflikten ein und kritisiert die Tendenz der Gesellschaft, komplexe gesellschaftliche oder politische Auseinandersetzungen auf einfache, dichotome Gegensätze zu reduzieren.
Das Zitat lässt sich im Kontext der gesellschaftlichen und politischen Spannungen des späten 19. Jahrhunderts verstehen, in dem Morgenstern lebte. Zu dieser Zeit gab es viele politische Konflikte und die Gefahr von Kriegen, in denen Feindbilder oft durch einfache, zugespitzte Darstellungen aufgebaut wurden. Morgenstern, als Teil der literarischen und philosophischen Szene dieser Zeit, reagierte auf die Vereinfachung der Realität durch Gesellschaft und Medien.
Philosophisch betrachtet ist dieses Zitat ein Kommentar zu der menschlichen Neigung, in Konflikten Vereinfachungen vorzunehmen, anstatt die komplexeren und tieferliegenden Ursachen von Problemen zu erkennen. Es reflektiert Morgensterns kritische Haltung gegenüber der menschlichen Tendenz, „rote Tücher“ zu suchen, die den Blick auf die wahren Ursachen der Konflikte verstellen.
Auch heute bleibt dieses Zitat relevant, da es die Dynamik von Feindbildern und die Reduktion von komplexen Konflikten auf einfache, greifbare Ziele anspricht. Es erinnert uns daran, dass wahre Lösungen nur durch das Verständnis der vollen Komplexität eines Problems erreicht werden können, und fordert uns zu einer differenzierten und reflektierten Auseinandersetzung mit Konflikten auf.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Christian Morgenstern
- Tätigkeit:
- deutscher Schriftsteller und Dichter
- Epoche:
- Moderne
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- Emotion:
- Keine Emotion