Was Gutes Du getan und nicht vergessen hast, Allmählich wandelt sich's in Unrecht fast. Begang'ne Schuld, denkst ihrer Du mit Schmerzen, Verklärt zur Tugend sich in Deinem Herzen.

- Marie von Ebner-Eschenbach

Marie von Ebner-Eschenbach

Klugwort Reflexion zum Zitat

Marie von Ebner-Eschenbach zeigt in diesem Zitat die paradoxe Natur menschlicher Erinnerung und Moral. Sie beschreibt, wie gute Taten, an die man sich aktiv erinnert, mit der Zeit an Reinheit verlieren können, während vergangene Fehler, die uns schmerzen, durch Selbstrechtfertigung verklärt und fast schon als Tugenden empfunden werden.

Diese Einsicht berührt eine tiefgehende psychologische Wahrheit: Der Mensch neigt dazu, seine eigenen Erinnerungen zu verzerren. Wenn man sich an eine gute Tat zu oft erinnert, kann Stolz oder Selbstgefälligkeit daraus entstehen, sodass sie nicht mehr als selbstlos betrachtet wird. Umgekehrt ermöglicht das schmerzhafte Nachdenken über Fehler oft eine Art moralische Läuterung – bis zu dem Punkt, dass man sich selbst als gereift und tugendhaft wahrnimmt.

Das Zitat lädt zur Selbstreflexion ein. Wie gehen wir mit unserer Vergangenheit um? Erinnern wir uns an Gutes, um uns selbst zu erhöhen, oder vergessen wir es in Demut? Und wie betrachten wir unsere Fehler – lernen wir aus ihnen, oder verwandeln wir sie unbewusst in Tugenden, um uns selbst zu rechtfertigen?

Es fordert uns auf, unsere eigenen Erinnerungen kritisch zu hinterfragen und ein Gleichgewicht zwischen Selbstachtung und Ehrlichkeit zu finden.

Zitat Kontext

Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916) war eine österreichische Schriftstellerin, die für ihre tiefgründigen Aphorismen und psychologischen Einsichten bekannt ist. Ihr Werk spiegelt oft die Ambivalenz menschlicher Moral und Selbsterkenntnis wider.

Dieses Zitat steht im Kontext ihrer Auseinandersetzung mit dem menschlichen Gewissen. Die Idee, dass das Bewusstsein der eigenen Fehler sie in etwas Positives verwandeln kann, ist ein wiederkehrendes Motiv in philosophischen und psychologischen Theorien. Sie greift damit eine Denkweise auf, die sich auch in der christlichen Moral und der stoischen Philosophie wiederfindet: Die Reflexion über die eigenen Schwächen führt zu innerem Wachstum.

In der heutigen Zeit bleibt diese Einsicht relevant. Sie erinnert uns daran, dass wir unsere Erinnerungen oft nach unseren eigenen Bedürfnissen formen – sei es, um unser Selbstbild zu schützen oder um unsere Fehler als notwendige Entwicklungsschritte zu betrachten. Ebner-Eschenbachs Worte laden dazu ein, ehrlich mit sich selbst zu sein und sowohl Gutes als auch Schlechtes in der Vergangenheit mit klarem Blick zu betrachten.

Daten zum Zitat

Autor:
Marie von Ebner-Eschenbach
Tätigkeit:
Österreichische Schriftstellerin
Epoche:
Realismus
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Emotion:
Keine Emotion