Man hat aus der Bescheidenheit eine Tugend gemacht, um den Ehrgeiz großer Männer einzuschränken und um die Mittelmäßigen über ihr geringes Glück und ihr geringes Verdienst zu trösten.

- François de La Rochefoucauld

François de La Rochefoucauld

Klugwort Reflexion zum Zitat

La Rochefoucaulds Zitat ist eine scharfsinnige Kritik an der gesellschaftlichen Konstruktion von Tugenden.

Er deutet an, dass Bescheidenheit nicht aus moralischer Überzeugung entstanden ist, sondern als ein Mittel, um ambitionierte Menschen zu bremsen und weniger talentierte Menschen zu trösten. Mit anderen Worten: Die Gesellschaft erfindet Werte, um Machtverhältnisse zu regulieren.

Diese Perspektive wirft eine provokante Frage auf: Sind Tugenden wie Bescheidenheit wirklich universelle ethische Prinzipien, oder sind sie soziale Konstruktionen, die dazu dienen, Ungleichheiten zu verschleiern oder bestehende Hierarchien zu stabilisieren?

In einer Welt, in der Bescheidenheit oft als noble Eigenschaft gepriesen wird, lädt dieses Zitat dazu ein, über die wahren Motive hinter gesellschaftlichen Normen nachzudenken. Fördert Bescheidenheit tatsächlich ein besseres Zusammenleben – oder dient sie dazu, ambitionierte Menschen kleinzuhalten und Mittelmäßigkeit zu rechtfertigen?

Zitat Kontext

François de La Rochefoucauld war ein französischer Moralist des 17. Jahrhunderts, bekannt für seine scharfsinnigen, oft zynischen Beobachtungen über menschliches Verhalten.

Seine 'Maximen' hinterfragen oft die edlen Motive, die Menschen sich selbst zuschreiben, und entlarven dahinterliegende Eigeninteressen. Dieses Zitat ist ein klassisches Beispiel für seinen Stil: Er betrachtet Tugenden nicht als moralische Prinzipien, sondern als gesellschaftliche Werkzeuge.

In der politischen und philosophischen Geschichte gibt es viele ähnliche Gedanken. Friedrich Nietzsche etwa sah Tugenden oft als Mittel zur Kontrolle der Massen. Auch heute bleibt La Rochefoucaulds Einsicht relevant, besonders in Debatten über Erfolg, Bescheidenheit und soziale Gerechtigkeit.

Sein Zitat fordert uns auf, kritisch zu hinterfragen, warum bestimmte Werte in der Gesellschaft gefördert werden – und wem sie tatsächlich nützen.

Daten zum Zitat

Autor:
François de La Rochefoucauld
Tätigkeit:
französischer Adliger, Soldat und Schriftsteller
Epoche:
Aufklärung
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Emotion:
Keine Emotion