Es ist das allgemein anerkannte Privileg der Theologen, den Himmel, d.h. die Heilige Schrift, zu dehnen wie Gerber ein Fell.
- Erasmus von Rotterdam

Klugwort Reflexion zum Zitat
Erasmus von Rotterdam bringt in diesem Zitat auf pointierte Weise eine Kritik an der Hermeneutik der Theologen seiner Zeit zum Ausdruck. Die Metapher des ‚Felles‘, das gedehnt wird, illustriert die Flexibilität und manchmal auch Willkür, mit der religiöse Texte ausgelegt werden. Es handelt sich um eine scharfe, aber zugleich humorvolle Beobachtung, die zeigt, wie religiöse Autoritäten die Heilige Schrift an ihre eigenen Zwecke anpassen können.
Diese Reflexion öffnet den Blick auf ein universelles Phänomen: die Möglichkeit der Manipulation von Texten und Ideen, insbesondere wenn sie Autorität oder Macht verleihen. Die Bibel, als Grundlage christlicher Theologie, ist in ihrer Interpretierbarkeit ein kraftvolles Werkzeug, das über Jahrhunderte hinweg dazu genutzt wurde, unterschiedliche Positionen zu legitimieren. Erasmus, ein Verfechter der Bildung und des kritischen Denkens, ruft dazu auf, solche Praktiken zu hinterfragen.
Die Aussage ist auch heute relevant, da ähnliche Dynamiken in vielen ideologischen und politischen Kontexten zu beobachten sind. Sie ermutigt dazu, kritisch mit Autoritäten und ihren Interpretationen umzugehen und die ursprüngliche Intention hinter Texten zu hinterfragen.
Erasmus fordert uns auf, die Verantwortung für die eigene Urteilsbildung zu übernehmen und nicht blindlings den Interpretationen anderer zu folgen. In einer Welt, die oft von Fake News und manipulativer Kommunikation geprägt ist, hat diese Botschaft nichts von ihrer Dringlichkeit verloren. Sie regt dazu an, die Grenzen zwischen Wahrheit, Deutung und Manipulation sorgfältig zu erkunden.
Zitat Kontext
Erasmus von Rotterdam, einer der führenden Gelehrten der Renaissance, war ein scharfer Kritiker der Dogmatik und der Korruption innerhalb der Kirche seiner Zeit. Dieses Zitat entstammt einer Epoche, in der die katholische Kirche große Macht besaß, aber zunehmend mit Forderungen nach Reformen konfrontiert wurde. Die Reformation, die kurz nach Erasmus' Zeit begann, war eine direkte Reaktion auf viele der Missstände, die er kritisierte.
Erasmus' Werk ‚Lob der Torheit‘, aus dem solche pointierten Aussagen oft stammen, setzt sich kritisch mit der Verweltlichung und Selbstherrlichkeit der Geistlichkeit auseinander. Seine Bildungsideale, die auf den Prinzipien des Humanismus basierten, forderten eine Rückbesinnung auf die ursprünglichen Texte und die Förderung von Bildung als Mittel, um Unwissenheit und Manipulation entgegenzuwirken.
Das Bild des ‚gedehnten Felles‘ spiegelt die damals weit verbreitete Praxis wider, die Bibel auf eine Weise auszulegen, die den Interessen der Kirche oder bestimmter theologischer Strömungen diente. Erasmus plädierte hingegen für eine Rückkehr zu den Quellen („ad fontes“) und eine ehrlichere, unverfälschte Auseinandersetzung mit den Schriften.
Sein Einfluss auf die europäische Geistesgeschichte war immens, und viele seiner Gedanken finden bis heute Anwendung. Dieses Zitat ist ein eindrückliches Beispiel für seine Kritik an Machtmissbrauch und seinen Aufruf zu mehr Verantwortung in der Interpretation heiliger Texte, ein Thema, das auch in modernen Diskursen über Religion und Macht von zentraler Bedeutung ist.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Erasmus von Rotterdam
- Tätigkeit:
- niederländischer Gelehrter
- Epoche:
- Spätrenaissance / Manierismus
- Mehr?
- Alle Erasmus von Rotterdam Zitate
- Emotion:
- Keine Emotion