Die Ungerechtigkeit ist uns nur in dem Falle angenehm, daß wir Vorteile aus ihr ziehen; in jedem andern hegt man den Wunsch, daß der Unschuldige in Schutz genommen werde.
- Jean-Jacques Rousseau

Klugwort Reflexion zum Zitat
Jean-Jacques Rousseau spricht in diesem Zitat eine grundlegende Wahrheit über die menschliche Natur aus: Während wir Ungerechtigkeit als etwas Verwerfliches betrachten, sind wir oft bereit, sie zu tolerieren oder gar zu rechtfertigen, wenn sie uns selbst Vorteile bringt. Erst wenn wir nicht davon profitieren, fordern wir Fairness und Gerechtigkeit.
Dieses Phänomen zeigt sich in vielen Bereichen des Lebens – sei es in Politik, Wirtschaft oder sozialen Beziehungen. Menschen fordern Gerechtigkeit, solange sie selbst benachteiligt sind, doch sobald sie an der Macht oder in einer privilegierten Position sind, neigen sie dazu, bestehende Ungleichheiten zu ignorieren oder sogar zu rechtfertigen.
Rousseaus Zitat lädt dazu ein, über unsere eigene moralische Haltung nachzudenken. Sind wir wirklich gegen Ungerechtigkeit, oder nur dann, wenn sie uns betrifft? Wahre Gerechtigkeit erfordert die Fähigkeit, auch dann für sie einzutreten, wenn man selbst keinen unmittelbaren Vorteil davon hat. Diese Form der Moral verlangt ein hohes Maß an Reflexion und Selbstkritik.
Kritisch könnte man fragen, ob es überhaupt möglich ist, sich vollständig von Eigeninteressen zu lösen. Ist moralisches Handeln nicht immer auch von persönlichen Umständen geprägt? Rousseau zeigt jedoch auf, dass wahre Gerechtigkeit nicht von unseren individuellen Vorteilen abhängen sollte – sondern von einem grundlegenden ethischen Prinzip, das unabhängig von der eigenen Position gilt.
Zitat Kontext
Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) war ein einflussreicher Denker der Aufklärung, der sich intensiv mit Fragen der Gerechtigkeit, Gesellschaftsordnung und menschlichen Natur auseinandersetzte. Seine Schriften hatten einen bedeutenden Einfluss auf die Französische Revolution und moderne Konzepte von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit.
Das Zitat reflektiert eine seiner zentralen Thesen: Die Gesellschaft ist oft von Heuchelei geprägt, da Menschen moralische Prinzipien nur dann verteidigen, wenn es in ihrem Interesse liegt. Rousseau argumentierte, dass eine gerechte Gesellschaft nicht auf Eigeninteressen, sondern auf universellen Prinzipien beruhen müsse.
Historisch betrachtet, entstand das Zitat in einer Zeit wachsender sozialer Ungleichheit. Rousseau kritisierte die Privilegien des Adels und die Doppelmoral der herrschenden Klassen, die sich selbst Vorteile sicherten, während sie von den unteren Schichten Gehorsam und Moral forderten.
Auch heute bleibt das Zitat relevant. In politischen und wirtschaftlichen Debatten zeigt sich immer wieder, dass Menschen Ungerechtigkeit oft nur dann ablehnen, wenn sie selbst betroffen sind. Rousseaus Worte erinnern daran, dass wahre Gerechtigkeit nicht situativ sein sollte – sondern ein Prinzip, das unabhängig vom eigenen Nutzen verteidigt wird.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Jean-Jacques Rousseau
- Tätigkeit:
- französischsprachiger Schriftsteller, Philosoph und Pädagoge
- Epoche:
- Aufklärung
- Mehr?
- Alle Jean-Jacques Rousseau Zitate
- Emotion:
- Keine Emotion