Die Supermächte verhalten sich oft wie zwei schwer bewaffnete Blinde, die sich in einem Raum tasten, wobei sich jeder vom anderen, von dem er annimmt, dass er perfekt sehen kann, in tödlicher Gefahr wähnt.

- Henry Kissinger

Henry Kissinger

Klugwort Reflexion zum Zitat

In diesem Zitat von Henry Kissinger wird ein düsteres Bild der internationalen Beziehungen zwischen den Supermächten gezeichnet. Kissinger, der als einer der einflussreichsten Außenpolitiker des 20. Jahrhunderts gilt, beschreibt die Verhältnisse zwischen den größten Militär- und Wirtschaftsmächten der Welt als ein gefährliches und unfreiwilliges Tasten im Dunkeln. Diese Metapher impliziert, dass die beiden Supermächte, obwohl sie in vielen Bereichen technologisch und militärisch überlegen sind, in der internationalen Politik oft mit Unsicherheit und Missverständnissen handeln.

Kissinger stellt fest, dass die Anführer der Supermächte, die glauben, die Kontrolle über die Weltordnung zu haben, dennoch blind für die tatsächlichen Gegebenheiten und die wahren Absichten des anderen sind. Das Bild der „schwer bewaffneten Blinden“ suggeriert eine Situation, in der beide Seiten nicht nur über enorme Macht verfügen, sondern auch davon ausgehen, dass sie durch ihre Macht und ihr Wissen in der Lage sind, die Situation zu kontrollieren – was jedoch zu einer gefährlichen Fehleinschätzung führt.

Das Zitat verweist auf das Risiko eines nuklearen Konflikts und die unvorhersehbaren Auswirkungen von Missverständnissen und Fehlentscheidungen in einem globalen Machtkampf. Die Vorstellung, dass die Supermächte sich gegenseitig als potenziell tödliche Bedrohung ansehen, weil sie ihre eigenen Sichtweisen und Wahrheiten als absolut betrachten, macht deutlich, wie leicht es in einem solchen geopolitischen Klima zu einem Eskalationsprozess kommen kann. In dieser Metapher steckt eine Warnung vor den Gefahren, die aus einer falschen Wahrnehmung der eigenen Macht und derjenigen des Gegners resultieren können, und einer übermäßigen Selbstsicherheit, die in einem internationalen Krieg von katastrophalen Ausmaßen enden könnte.

Kissinger ruft dazu auf, sich der Unsicherheiten und Risiken bewusst zu werden, die mit geopolitischen Entscheidungen verbunden sind. Eine realistischere Einschätzung der eigenen Position und die Anerkennung der begrenzten Fähigkeit, das Verhalten des anderen vorherzusagen, könnten die internationalen Beziehungen stabilisieren und möglicherweise katastrophale Missverständnisse vermeiden. Es ist ein Plädoyer für mehr Demut und Besonnenheit in der Außenpolitik.

Zitat Kontext

Henry Kissinger, einer der bekanntesten amerikanischen Diplomaten und Politikwissenschaftler, prägte die Außenpolitik der USA vor allem während der 1970er Jahre. Als Sicherheitsberater und Außenminister unter Präsident Richard Nixon war Kissinger maßgeblich an der Entspannungspolitik im Kalten Krieg beteiligt und spielte eine Schlüsselrolle in den Verhandlungen, die zur Öffnung der Beziehungen zwischen den USA und China führten. Kissinger war jedoch auch eine umstrittene Figur, insbesondere aufgrund seiner Rolle in den US-Militärinterventionen in Vietnam, Kambodscha und Lateinamerika, sowie seiner Unterstützung autoritärer Regime, wenn sie als strategisch vorteilhaft angesehen wurden.

In diesem Zitat reflektiert Kissinger über die Gefahren der geopolitischen Rivalität zwischen den Supermächten – vor allem zwischen den USA und der Sowjetunion – und das damit verbundene Risiko von Fehleinschätzungen, die zu einem verheerenden Konflikt führen könnten. Kissinger, der das Gleichgewicht der Angst als eine treibende Kraft in der internationalen Politik verstand, beschreibt eine dynamische, in der die Supermächte immer auf der Hut sind, weil sie die Bewegungen des anderen als potentiell bedrohlich wahrnehmen. Diese Wahrnehmung von Feindseligkeit und Misstrauen prägte die strategische Kultur der Zeit und war ein zentrales Element der Doktrin der nuklearen Abschreckung. Das Bild der „blinden“ Supermächte, die sich gegenseitig in Gefahr sehen, zeigt die fragilen, aber entscheidenden Momente im Kalten Krieg, als das Risiko eines Nuklearkriegs nur knapp vermieden wurde.

Kissinger fordert in seiner Darstellung, dass die internationale Gemeinschaft mit mehr Zurückhaltung und Bewusstsein für die potenziellen Folgen jeder geopolitischen Entscheidung agiert. Der Kalte Krieg und die Eskalation von Spannungen zwischen den Supermächten sind nicht nur historische Phänomene, sondern auch Mahnungen für die heutige Weltpolitik.

Daten zum Zitat

Autor:
Henry Kissinger
Tätigkeit:
US Diplomat, Politiker und Gelehrter
Epoche:
Nachkriegszeit
Emotion:
Keine Emotion