Dem Gesunden genügt das Weib. Dem Erotiker genügt der Strumpf, um zum Weib zu kommen. Dem Kranken genügt der Strumpf.
- Karl Kraus

Klugwort Reflexion zum Zitat
Karl Kraus’ Zitat ist eine prägnante, provokative Analyse menschlicher Erotik und ihrer möglichen Übersteigerungen. Es beschreibt drei Stufen der Beziehung zur Sexualität: die natürliche, ganzheitliche Beziehung eines „Gesunden“, die symbolische und sinnliche Verbindung des „Erotikers“ und die fetischistische Fixierung des „Kranken“. Kraus spielt hier auf die verschiedenen Grade der Abstraktion an, mit denen Menschen Erotik und Sexualität erleben.
Die Reflexion darüber zeigt, wie vielfältig menschliche Beziehungen zu Sinnlichkeit und Begehren sein können. Während der „Gesunde“ die Verbindung zum Menschen als Ganzes sucht, bewegt sich der „Erotiker“ auf einer Ebene der Imagination und Symbolik, indem er im Strumpf eine Brücke zum Weib sieht. Der „Kranke“ jedoch hat sich von der Ganzheitlichkeit entfernt und richtet seine Begierde ausschließlich auf das Objekt, losgelöst von der ursprünglichen menschlichen Verbindung.
Dieses Zitat lädt dazu ein, über die Natur von Begehren und die Gefahren von Übersteigerung nachzudenken. Es regt an, die Balance zwischen körperlicher, emotionaler und symbolischer Ebene zu suchen. Kraus mahnt subtil, wie wichtig es ist, die menschliche Dimension nicht zu verlieren, wenn man sich mit Sinnlichkeit auseinandersetzt, und warnt vor einem Zustand, in dem die Fixierung auf Details das Ganze ersetzt.
Zitat Kontext
Karl Kraus, einer der schärfsten Satiriker und Kritiker seiner Zeit, war bekannt für seine schonungslose Analyse menschlicher Schwächen und gesellschaftlicher Phänomene. Dieses Zitat spiegelt seine Fähigkeit wider, mit sprachlicher Präzision komplexe psychologische und kulturelle Zusammenhänge darzustellen. Kraus lebte in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, in der Themen wie Sexualität und Psychoanalyse – vor allem durch Freud – immer mehr Beachtung fanden.
Historisch gesehen könnte das Zitat als Kommentar zur aufkommenden Erforschung der menschlichen Sexualität verstanden werden, die sich mit Fragen von Fetischismus und psychologischer Fixierung beschäftigte. Kraus’ Kritik zielt dabei nicht auf die Erotik selbst, sondern auf deren mögliche Übersteigerung, die zur Entfremdung führen kann.
Auch heute bleibt das Zitat relevant, da es grundlegende Fragen über die Balance zwischen körperlicher, emotionaler und symbolischer Verbindung in Beziehungen aufwirft. In einer Welt, die zunehmend durch visuelle und symbolische Darstellungen von Sexualität geprägt ist, erinnert Kraus daran, dass diese Aspekte Teil eines größeren, ganzheitlichen Erlebens sein sollten. Seine Worte laden dazu ein, über die Rolle von Fantasie, Objekt und Menschlichkeit in der Sinnlichkeit nachzudenken und diese in ein gesundes Verhältnis zu setzen.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Karl Kraus
- Tätigkeit:
- österreichischer Schriftsteller, Publizist, Satiriker und Dramatiker
- Epoche:
- Moderne
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- Emotion:
- Keine Emotion