Das, was die Leute Tugend nennen, ist meistens nichts anderes als ein Gespenst, erschafft aus unseren Leidenschaften, welchem wir einen ehrbaren Namen geben, damit wir ungestraft tun können was wir wollen.
- François de La Rochefoucauld

Klugwort Reflexion zum Zitat
François de La Rochefoucauld entlarvt in diesem Zitat eine der großen Widersprüchlichkeiten menschlichen Handelns: Das, was oft als Tugend ausgegeben wird, ist in Wahrheit nicht selten eine raffinierte Tarnung eigennütziger Motive.
Er legt nahe, dass viele moralische Werte nicht aus wahrer Überzeugung heraus gelebt werden, sondern vielmehr eine Rechtfertigung für das sind, was Menschen ohnehin tun wollen. Indem sie ihren Leidenschaften einen edlen Namen geben, können sie ungestraft ihren eigenen Interessen folgen, ohne sich der eigenen Heuchelei bewusst zu werden.
Dieses Zitat fordert uns auf, kritisch darüber nachzudenken, ob Tugendhaftigkeit immer so selbstlos ist, wie sie erscheint. Wird Großzügigkeit manchmal genutzt, um sich selbst als moralisch überlegen darzustellen? Wird Ehrlichkeit betont, solange sie den eigenen Vorteil nicht gefährdet? La Rochefoucauld fordert uns auf, hinter die Fassade der Moral zu blicken und menschliches Verhalten mit einem wachen Blick zu hinterfragen.
Gerade heute, in einer Zeit der öffentlichen Selbstdarstellung und moralischen Inszenierung, bleibt seine Kritik relevant. Sie erinnert uns daran, dass echte Tugend nicht in Worten oder Absichten liegt, sondern in aufrichtigen, uneigennützigen Handlungen.
Zitat Kontext
François de La Rochefoucauld (1613–1680) war ein französischer Moralist, der vor allem für seine scharfsinnigen Reflexionen über das menschliche Verhalten bekannt ist. In seinen 'Maximen' analysierte er die Motive hinter scheinbar tugendhaften Handlungen und deckte deren oft selbstsüchtige Ursprünge auf.
Das Zitat steht in der Tradition der skeptischen Moralphilosophie, die davon ausgeht, dass Menschen oft nicht aus reiner Tugend handeln, sondern aus verborgenen Interessen. Seine Zeit, das Frankreich des 17. Jahrhunderts, war geprägt von höfischer Etikette und Intrigen – ein perfekter Nährboden für seine scharfe Gesellschaftsanalyse.
Diese Einsicht bleibt auch in der modernen Welt gültig. In Politik, Wirtschaft und sozialen Medien werden oft moralische Ideale verkündet, die nicht immer auf echter Überzeugung beruhen, sondern aus Imagepflege oder strategischem Kalkül entspringen. La Rochefoucauld erinnert uns daran, stets zu hinterfragen, ob Tugend wirklich aufrichtig ist oder nur ein geschicktes Mittel zum Zweck.
Daten zum Zitat
- Autor:
- François de La Rochefoucauld
- Tätigkeit:
- französischer Adliger, Soldat und Schriftsteller
- Epoche:
- Aufklärung
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- Emotion:
- Keine Emotion