Wenn wir die Gefühle, die unsere Freunde für uns hegen, übertreiben, so geschieht das weniger aus Erkenntlichkeit als aus dem Wunsche, auf unsere Würdigkeit schließen zu lassen.
- François de La Rochefoucauld

Klugwort Reflexion zum Zitat
François de La Rochefoucauld beschreibt in diesem Zitat ein subtil psychologisches Verhalten: die Überhöhung der Zuneigung, die uns von anderen entgegengebracht wird, nicht aus Dankbarkeit, sondern aus Eigeninteresse.
Diese Betrachtung verweist auf ein zentrales Thema in seinen Maximen – die menschliche Eitelkeit. La Rochefoucauld argumentiert, dass wir die Gefühle unserer Freunde nicht nur wertschätzen, sondern oft übertreiben, um damit unser eigenes Selbstbild zu stärken. Indem wir betonen, wie sehr wir geschätzt werden, wollen wir letztlich unsere eigene Bedeutung hervorheben.
Das Zitat regt dazu an, über unser eigenes Verhalten in Freundschaften nachzudenken. Sind wir ehrlich in der Wahrnehmung der Wertschätzung, die uns entgegengebracht wird? Oder nutzen wir die Anerkennung anderer, um uns selbst in einem besseren Licht zu sehen? La Rochefoucauld fordert uns auf, uns bewusst zu machen, dass echte Dankbarkeit nicht durch Selbstinszenierung verzerrt werden sollte.
Kritisch könnte man fragen, ob es nicht legitim ist, sich über die Zuneigung anderer zu freuen. Ist es nicht auch menschlich, sich durch das Ansehen in den Augen der Freunde bestätigt zu fühlen? Doch La Rochefoucaulds Zitat ist keine Verdammung von Freundschaft – sondern eine Reflexion über die feinen Nuancen zwischen echter Wertschätzung und subtiler Eigenliebe. Seine Worte laden dazu ein, Freundschaft und Dankbarkeit bewusster und ehrlicher zu erleben.
Zitat Kontext
François de La Rochefoucauld (1613–1680) war ein französischer Moralist, dessen *Maximen* eine präzise Analyse menschlicher Verhaltensweisen bieten. Seine Schriften decken oft verborgene Motive hinter scheinbar edlen Gefühlen auf.
Das Zitat steht im Kontext seiner allgemeinen Skepsis gegenüber menschlichen Beziehungen. La Rochefoucauld glaubte, dass viele unserer Handlungen, selbst in der Freundschaft, von Selbstinteresse beeinflusst sind – eine Sichtweise, die seinen Maximen eine fast schon zynische Note verleiht.
Historisch betrachtet, lebte La Rochefoucauld in einer Zeit voller höfischer Intrigen, in der Selbstdarstellung und soziale Anerkennung eine große Rolle spielten. Sein Zitat kann als Spiegelbild einer Gesellschaft verstanden werden, in der das Streben nach Anerkennung oft wichtiger war als aufrichtige Gefühle.
Auch heute bleibt das Zitat aktuell. In einer Welt, die stark von sozialer Bestätigung geprägt ist – sei es durch persönliche Beziehungen oder durch soziale Medien –, stellt sich die Frage: Wie oft übertreiben wir die Anerkennung, die wir erhalten, um unser eigenes Bild zu stärken? La Rochefoucaulds Worte laden dazu ein, sich selbst zu hinterfragen und zwischen echter Dankbarkeit und subtiler Eigeninszenierung zu unterscheiden.
Daten zum Zitat
- Autor:
- François de La Rochefoucauld
- Tätigkeit:
- französischer Adliger, Soldat und Schriftsteller
- Epoche:
- Aufklärung
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- Emotion:
- Keine Emotion