Ich sehe nicht ein, warum wir zusehen sollen, wie ein Land aufgrund der Verantwortungslosigkeit seiner Bevölkerung kommunistisch wird. Die Fragen sind viel zu wichtig, als dass man die chilenischen Wählerinnen und Wähler selbst entscheiden lassen könnte.
- Henry Kissinger

Klugwort Reflexion zum Zitat
Dieses Zitat von Henry Kissinger gibt einen tiefen Einblick in seine Haltung gegenüber der geopolitischen Situation in den 1970er Jahren, speziell in Bezug auf Chile. Kissinger, der als US-Außenminister eine entscheidende Rolle in der Außenpolitik der Vereinigten Staaten spielte, sprach sich hier gegen die Idee aus, dass die Bevölkerung eines Landes in der Lage sein sollte, autonom zu entscheiden, welche politische Ausrichtung sie wählt, wenn dies seiner Ansicht nach im Widerspruch zu den geopolitischen Interessen der USA stand.
Das Zitat reflektiert eine paternalistische Haltung gegenüber anderen Nationen, die in der Praxis oft als imperialistisch wahrgenommen wird. Kissinger geht davon aus, dass die "Verantwortungslosigkeit" der chilenischen Bevölkerung eine Bedrohung für die Stabilität und die westliche Weltordnung darstellt, und er rechtfertigt die Einmischung der USA mit der Vorstellung, dass die "Fragen zu wichtig" sind, um sie dem demokratischen Willen der Bürger zu überlassen. Die zugrundeliegende Annahme ist, dass die Bevölkerung eines Landes möglicherweise nicht in der Lage ist, kluge oder verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen, insbesondere wenn es um den Kommunismus geht, den die USA als Bedrohung ansahen.
Dieses Zitat ist besonders provokant, weil es die Prinzipien der Demokratie in Frage stellt, wenn es um die Eigenständigkeit von Nationen geht, die nicht im Einklang mit den geopolitischen Interessen der USA stehen. Es legt nahe, dass Staaten das Recht auf Selbstbestimmung und freie Wahlen nur dann wahrnehmen sollten, wenn ihre Wahl den Interessen der westlichen Weltordnung dient. Ein solches Denken führte in der Vergangenheit zu Interventionen, die bis heute kontrovers diskutiert werden, wie etwa die Unterstützung des Militärputsches in Chile 1973. Kissingers Sichtweise verdeutlicht die Spannung zwischen nationaler Souveränität und den geopolitischen Zielen der Großmächte.
Zitat Kontext
Henry Kissinger war während der Amtszeiten von Präsident Richard Nixon und Gerald Ford als US-Außenminister von 1969 bis 1977 eine der zentralen Figuren in der US-Außenpolitik. In dieser Zeit spielte er eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung der amerikanischen Reaktionen auf den Kalten Krieg und insbesondere auf kommunistische Bewegungen in Lateinamerika, Asien und anderen Regionen. Das Zitat bezieht sich auf die politische Lage in Chile in den frühen 1970er Jahren, als Salvador Allende, ein sozialistischer Politiker, 1970 die Präsidentschaft gewann. Allende strebte eine tiefgreifende sozialistische Reform an, was die USA als Bedrohung für ihre Interessen in der Region betrachteten.
Im Kontext der kalten Kriegspolitik sahen die USA jede kommunistische Bewegung, besonders in Ländern wie Chile, als eine Erweiterung des sowjetischen Einflusses und damit als Bedrohung für die westliche Weltordnung. Kissingers Haltung, dass die "chilenischen Wählerinnen und Wähler" nicht in der Lage seien, über ihre politische Zukunft zu entscheiden, spiegelt die Überzeugung wider, dass die USA aktiv eingreifen mussten, um eine "kommunistische Übernahme" zu verhindern. Diese Haltung führte zur Unterstützung des Militärputsches in Chile 1973, der den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende stürzte und die Militärdiktatur unter Augusto Pinochet etablierte.
Das Zitat ist ein Paradebeispiel für die interventionistische Außenpolitik der USA, die darauf abzielte, sozialistische Regierungen in Lateinamerika zu verhindern, selbst wenn diese Regierungen demokratisch gewählt worden waren. In der heutigen Zeit wird diese Politik zunehmend kritisch betrachtet, da die Interventionen der USA in vielen Fällen zu schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen und langfristigen Instabilitäten in den betroffenen Ländern führten. Kissingers Haltung zeigt, wie die geopolitischen Strategien der USA oft auf die Eindämmung des Kommunismus ausgerichtet waren, wobei die Prinzipien der nationalen Souveränität und Demokratie in den Hintergrund traten.
Daten zum Zitat
- Autor:
- Henry Kissinger
- Tätigkeit:
- US Diplomat, Politiker und Gelehrter
- Epoche:
- Nachkriegszeit
- Emotion:
- Keine Emotion